Bahn fahren schwer gemacht

Lange nix gehört von uns und der Bahn, oder?

Eine Zeit lang war dieser Blog ein Reiseblog (z.B. hier ein Klassiker), ganz ungewollt mit zufälligen Häufungen von Reiseberichten, tollen Erfahrungen unserer Erlebnisse in den USA, Europa und Deutschland. Negativ hatte sich eine Zeit lang auch die Bahn eingereiht und wir hörten ein paar mal, dies sei ja nur ein weiterer Bahn Bashing Blog (BBB). 

Spontan mit dem Zug verreisen - ohne Diskussionen! Foto: Anna Spindelndreier
Spontan mit dem Zug verreisen, ohne Diskussionen? In den USA war das für uns kein Problem! Foto: Anna Spindelndreier

Eigentlich will ich auch lieber über positive und tolle Dinge schreiben, eben nicht so defizitorientiert wie es oft schon das System ist. Vielleicht fange ich dann damit an, dass wir auch in der Zeit als der Blog still stand, viele tolle Reisen hatten. Die allermeisten davon mit unserem eigenen Auto. Vor allem dank der Partnerschaft mit Kadomo, die diesen Transporter mit den nötigen Umbauten versehen und auffällig beklebt haben. Dies zusammen mit unseren DIY Camping Ausbauten und unseren Platzbedarf für Rollstühle und Equipment bei Veranstaltungen machten das Auto zu unserer Reisevariante Nummer 1! 

Aber auch mit der Bahn haben wir einige Reisen unternommen, die wirklich gut gelaufen sind. Natürlich immer mit dem Systembedingten Mehraufwand der Anmeldung, spontaner Umplanung weil „geht nicht“, aber auch mit tatsächlich gelungenen Fahrten, engagierten und kompetenten Mitarbeitern.

Dank des findigen Programmierers namens Philipp Maier (aka Akii) wurde auch die Anmeldung der Mobilitätsservicezentrale (kurz MSZ) etwas einfacher, denn bei Hilfeleistung als Service kann man bspw. den Buchungscode importieren und somit das sonst Zeitfressende Prozedere zu einem -klick klick fertig- optimierten Prozess machen. Bei vielen Fahrten kommen dann noch gefühlte 1000 Mails der Bahn, die am Ende hoffentlich bestätigen, dass man die Reise so machen kann und alles ist gut. Doch dann gibt es leider diese Fahrten, wo eine Mail oder ein Anruf der MSZ erfolgt… wie z.B. in folgendem Fall:

Für zwei aufeinanderfolgende Termine in Dortmund buchte ich drei Wochen im Voraus unsere Fahrten: Hamburg-Dortmund am Mittwoch Morgen hin und am Donnerstag Nachmittag zurück. So weit im Voraus bin ich sonst selten dran und da dachte ich doch glatt es könnte nix schief mehr gehen. 

Ich muss erwähnen, um nochmal was positives loszuwerden, dass ich bei dem Buchungsprozedere ein Ticket für den falschen Tag gebucht hatte und dieses problemlos am selben Tag noch stornieren konnte, obwohl es ein Sparpreisticket war, welches nicht stornierbar ist. Wir buchen allerdings immer Sparpreis, weil man ja eh seinen Einstieg anmelden muss, was ein Flexticket quasi unbrauchbar macht. Nun aber weiter im eigentlichen Thema.

Es konnte nix schief gehen? Na mal sehen… 

Ich meldete also den Service an und als der Anruf der MSZ kam, atmete ich schon mal tief durch. Es hieß, dass die IC Verbindungen leider noch für Sitzplatzreservierungen gesperrt seien und sie unsere Fahrt nicht anmelden können. Ich dachte: Naja, dann melden sie sich doch sobald das geht und sie unsere Plätze und Hilfeleistung buchen konnten!? Aber schon bevor ich diesen Gedanken aussprechen konnte, wurde ich gebeten mich in einer Woche nochmal zu melden. Ich fragte warum ich mich melden muss und bekam keine echte Erklärung dafür – ginge halt nicht anders. Nun ja ich war die Diskussion schon im Vorfeld leid und hatte andere Sachen zu erledigen, also schrieb ich mir eine Erinnerung in den Kalender und wartete eine Woche.

Als ich dann eine Woche darauf anrief, hieß es auf einmal ich müsse die Anmeldung erneut ausfüllen. Also wieder Hilfeleistung als Service aufrufen, Buchungsnummer raus suchen, importieren, abschicken. Dann wieder ein Anruf und ich dachte in diesem Moment, verdammt, geht es etwa immer noch nicht???

Es kam noch „besser“… Die gebuchte Verbindung gab es so nicht mehr! Ich solle mir eine Alternative aussuchen. Diese waren aber allesamt, hm wie drück ich es am besten aus, sie waren beschissen… Ich sagte ich würde selbst nochmal nach Alternativen schauen und mich melden. Und so sah ich, dass die gebuchte IC Verbindung wirklich nicht mehr auftauchte, aber dafür zu exakt der selben Zeit, auf der gleichen Strecke nun eine ICE Verbindung existierte. Also rief ich wieder bei der Mobilitätsservicezentrale an und fragte warum ich nicht einfach diese Verbindung nehmen kann!? 

Die Antwort? Die Rollstuhlplätze seien bereits ausgebucht! Moment, eine Verbindung, die seit weniger als einer Woche überhaupt existiert und auf die ich mich quasi im Vorfeld ihrer Existenz angemeldet hatte, soll nun schon an zwei andere Rollstuhlfahrer gegangen sein? Ich möchte mindestens bezweifeln, dass dort überhaupt Rollstuhlfahrer im ICE Richtung Dortmund fahren werden, aber dies ist natürlich nur eine Mutmaßung. Viel mehr empörte mich der Fakt, dass ich nicht informiert wurde, weder von der DB selbst, weil ich ja ein Ticket für eine nicht mehr existierende Verbindung hatte, noch von der MSZ wegen der nun möglichen Alternative/Reservierung. 

Es war dann mit all der sachlichen Diskussion, trotz Empörtheit dennoch gelassenen Professionalität (ja ich kann durchaus ruhig bleiben) nicht mehr zu retten. Ich meldete erst einmal eine Alternative an die mir nicht gefiel, mit der ich einen Termin verpasse, bzw. mindestens 90 Minuten zu spät komme und mit der ich insgesamt zwei Umstiege und drei Stunden mehr auf den Schienen unterwegs sein würde. 

Doch am allermeisten störte mich dieser immense Mehraufwand. Die zweifache Anmeldung und drei Telefonate mit negativem Ausgang, wo jeder „normale“ Fahrgast einfach nur bucht und einsteigt. Die Zeit die dort verstrich ohne eine Lösung zu finden bekomme ich wohl nicht wieder, im Gegenteil, es werden weitere Stunden geklaut wenn ich die Alternative so annehme. 

Nunja, ein Flexticket kaufen und einfach in den Zug springen der einen passt, wäre das nicht toll? Vielleicht im nächsten Leben und nicht mit der DB anscheinend. 

Unsere Lösung dieses mal? Das Kadomo Mobil wird uns nach Dortmund bringen und auch wieder nach Hamburg, flexibel und günstig, der Umwelt zuliebe, ach nee das wäre ja die Aufgabe der Bahn gewesen… naja im nächsten Leben, auf der nächsten Erde dann. 

PS: Auf Antwort bzw. Stornierung der Tickets warte ich nunmehr auch schon wieder eine Woche…

Unser Kadomo Mobil – auffällig und bunt – wie wir!

/David

Ninahitaji kiti changu

Ich brauche meinen Stuhl auf Swahili heißt: „Ninahitaji kiti changu.“

Woher ich das weiß? Warum ich das schreibe? Nunja, ich versuche mich seit ungefähr einem Monat daran eine neue Sprache zu lernen. Und nicht etwa Spanisch oder Chinesisch, weil das die neben Englisch am meisten gesprochenen Sprachen auf der Welt sind. Nein, ich versuche mich an Swahili, weil wir im Januar 2020 ein paar Tage in Tansania sein werden.

Natürlich kann man sich dort, wie fast überall, sicher gut mit Englisch durchschlagen. Auch wird mein Swahili wohl bis dahin noch längst keine tiefgründigen Gespräche zulassen. Doch hinter dieser Reise steckt ja nicht nur ein Urlaub oder die Befriedigung unserer Lust darauf die Welt zu entdecken. Vor allem reisen wir nach Tansania, um gemeinsam mit dem Verein Haydom Friends e.V. die Spina Bifida Familien am Lutherischen Krankenhaus in Haidom zu unterstützen und den Kindern in Zukunft dort mehr Teilhabe und Mobilität zu ermöglichen.

Aber Moment mal! Braucht es dazu denn wirklich uns? Schon wieder weiße privilegierte Europäer, die den Afrikanern zeigen wie es richtig läuft? Nein, natürlich wollen wir keine neue Abhängigkeit schaffen, sondern wir wollen das machen, was wir auch hierzulande tun. Wir wollen Kinder motivieren ihren Rollstuhl zum spielen zu nutzen, für Sport und eben für ihre eigene Mobilität. Wir wollen ihnen Bewegungserfahrungen anbieten, um aus dem ewigen „das kannst du mit dem Rollstuhl nicht“ der Gesellschaft auzsubrechen.

Außerdem wollen wir, so wie hierzulande auch, ein Umdenken anstoßen. Denn hier wie dort sind es die mangelnden Vorstellungen der Gesellschaft daran, was ein Rollstuhlfahrer kann und nicht kann, die Teilhabe so schwierig machen. Die Vorstellung, dass Kinder im Rollstuhl gemeinsam mit anderen Kindern zu Schule gehen, gemeinsam lernen und spielen. Das ist nicht nur ein Thema in Tansania, sondern eben auch hier. Und warum sollten wir unsere Arbeit nur auf Europa beschränken? Für uns sind alle Rollikids dieser Welt wichtig!

Sicher wird der Ist-Zustand in Tansania ein anderer sein, aber Kinder sind Kinder und haben einen natürlichen Drang die Welt mit ihren Augen zu entdecken. Doch diese Welt ist mit Barrieren gepflastert und die Kinder müssen befähigt werden, diese nach Möglichkeit zu überwinden- zumindest so lange diese Barrieren noch existieren. Ein Rollstuhl, den man effektiv antreiben kann und die Fähigkeit diesen zu nutzen sind dabei die wichtigsten Werkzeuge und bei diesen Themen sehen wir die Möglichkeit unsere Kompetenz und Erfahrung einzubringen.

Die Rollstühle, welche bereits in Tansania gebaut werden, könnten mit wenigen Änderungen diese Werkzeuge sein und eine nachhaltige Versorgung gewährleisten. Und wenn die Kinder erstmal gut anzutreibende Rollstühle haben, werden sie mit denen spielen und sitzend und flitzend die Welt entdecken. Wir hoffen ein nachhaltiges Mobilitätspaket starten zu können, dass dann Schule macht und sich von Haidom aus verbreitet und auch adaptiert werden kann um die Bedürfnisse vor Ort zu matchen.

Wann es den ersten WCMX Workshop in Tansania geben wird, wissen wir noch nicht. Es gibt bisher einen einzigen Skatepark in der Hauptstadt Dodoama, viele Stunden Autofahrt von der Klinik entfernt. Dieses mal werden wir es dort leider nicht hin schaffen. Aber in der Hoffnung bald erneut vorbeischauen zu können, werden wir dies sicher als einen der nächsten Schritte anstreben.

Ein großes Problem sehen wir tatsächlich noch in der teilweise sehr ableistischen und abergläubischen Sichtweise vielerorts. So hörten wir, dass Familien teilweise nicht mit ihren Kindern in ihr Dorf zurück können, weil sie als verflucht oder verhext gelten. Sie dürfen nicht an Schulen, weil ihnen der Weg nicht zugetraut wird, weil man nicht glaubt, dass sie Erwachsen werden können oder dieses Wissen irgendwann brauchen können. Hierbei berichte ich nur davon, was ich gehört hab und ich hoffe, dass es am Ende alles halb so wild ist. Aber wenn doch, was kann mehr helfen als Vorbilder, die diese Denkweisen sprengen? Und bis eigene Vorbilder im Land vorhanden sind, bilden wir die Spina Kids aus, damit sie möglichst bald selbst zu Vorbildern werden können. So wie wir es hier in Deutschland auch tun würden – mit den Rollikids und mit sit’n’skate!

Oh habe ich noch gar nicht erwähnt, dass wir auch versuchen den Mount Meru zu besteigen? Nein? Dann sei das hier noch einmal kurz erwähnt, dass wir bekloppt genug sind einen Berg zu besteigen, der schon vielen fußläufigen Wanderern zu schwierig ist. Ob wir es nun bis auf den Gipfel schaffen oder nicht, allein, dass Rollstuhlfahrer den Versuch starten diesen Gipfel zu erreichen, sollte die Menschen in Tansania hoffentlich einen Gedanken aufdrängen: „Wenn Menschen mit Behinderung diese Berg in Angriff nehmen können, ohne zu wissen ob sie es bis ganz nach oben schaffen, vielleicht können dann Kinder im Rollstuhl in die Schule gehen, auch wenn man nie weiß ob es später zu einem Beruf oder einem Studium führen wird.“

In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr uns auf dieser spannenden Reise folgt. Virtuell, hier, oder auf Facebook, Instagram und Co. Oder ihr wandert mit? Oder ihr unterstützt den Verein Haydom Friends beim Bau eines neuen Gebäudes in dem noch mehr Familien Platz haben sollen, wenn sie bspw. noch nicht in ihr Zuhause zurückkehren können oder für medizinische oder rehabilitative Maßnahmen an die Klinik zurückkehren müssen.

In diesem Sinne, wünscht uns „Safari njema“ – eine gute Reise!

Kwa heri, tutaonana baadaye!

/David

Auf dem Bild verlässt eine große Menschenmenge die Tore der Klinik in Haydom, ganz vorne Kinder im Rollstuhl.
Es gibt noch viel zu tun für die Rechte von Menschen mit Behinderung! – Destroying Stereotypes worldwide! Foto: Haydom Friends e.V.

PS: Großen Dank geht an Dr. Theresa Harbauer, die den Verein Haydom Friends ins Leben gerufen hat und der Firma Wellspect, die die Klinik in Haydom schon eine Weile mit Material versorgt und uns nun diese Reise ermöglicht.

interessante Links:

Haydom Friends e.V.

Spenden auf Better Place Org