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Mein Artikel aus der taz.mit Behinderung

Die taz – Die Tageszeitung hat zum Tag der Menschen mit Behinderung eine Sonderausgabe in Zusammenarbeit mit Leidmedien.de und den Sozialhelden herausgebracht, in der viele Autoren mit Behinderung geschrieben haben. Ich kann nur jedem empfehlen die ganze Ausgabe zu lesen, da sehr viele interessante Artikel darin zu finden sind. Für alle, die die taz vom Freitag, dem 2. Dezember nicht gelesen haben, hier zumindest mein Text in ungekürzter Fassung.

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Foto: RBG Dortmund 51 e.V.

Wie zu Fuß, nur bergab deutlich schneller
Mobilität mit dem Rollstuhl – Warum das fahren lernen so wichtig ist
Text: David Lebuser

Mobilität ist in der heutigen Zeit enorm wichtig. Für uns ist es ganz normal, dass wir kurze Strecken zu Fuß, mittlere mit der Bahn und lange Strecken beispielsweise mit dem Auto fahren – oder mit dem Fahrrad. All das lernen wir in der Regel von klein auf, indem wir uns das von den anderen abschauen und es dann nachmachen. So lernen wir Menschen, wir ahmen nach, wir schauen uns etwas ab und halten das dann für normal. Doch was machen Kinder, die nie laufen lernen oder Menschen, die nicht mehr laufen können – wegen eines Unfalls, Krankheit oder Behinderung?

Meist wird Mobilität mit dem offensichtlich „Normalen“ in Verbindung gebracht, also wird erst mal das Laufen trainiert. Doch für Rollstuhlnutzer, selbst für welche, die noch laufen können, ist das oft nicht die effizienteste Methode. Wir sollten also zuerst lernen, mobil zu sein und dabei sollte nicht entscheidend sein wie man mobil ist, sondern dass man mobil ist.

Die Stärken stärken sollte im Vordergrund stehen und somit sollte man gehbehinderten Menschen, Kindern wie Erwachsenen, das Rollstuhlfahren beibringen. Wenn man selbstbestimmt in der Lage ist, seine Umgebung zu erreichen, dann wird man auch einfacher und motivierter weitere Ziele in Angriff nehmen können. Das kann dann Laufen lernen genauso sein, wie ein guter Schulabschluss oder der (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben.

Vor allem Kinder schauen sich in ihrer Entwicklung vieles von den Eltern und anderen Menschen in ihrer Umgebung ab und brauchen daher ein gutes Rollstuhltraining, denn selten gibt es rollstuhlfahrende Vorbilder im engeren Bekanntenkreis. Sinnvoll ist es auch gelegentlich Sportangebote für Rollstuhlfahrer zu nutzen, damit die Kinder auf eine spielerische Art und Weise voneinander lernen können.

Rollstuhl- und Mobilitätskurse gibt es aber nicht nur für Kinder, denn auch Erwachsene, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind – sei es nun durch Unfall, Krankheit oder Behinderung – benötigen eine gute Einweisung in den Gebrauch des Rollstuhls. So eine Einweisung besteht aus deutlich mehr, als wie man den Rücken einklappt oder wie man die Räder abnimmt und wo man die Schiebegriffe einstellt. Viel mehr muss man lernen sich mit dem Rollstuhl effektiv und kraftsparend zu bewegen, zu lenken und zu bremsen, damit man das Gerät in jeglichen Situationen im Griff hat. Weiter geht es zu lernen, wie man Bordsteinkanten sicher hoch und runter kommt und auch wie man Menschen anleitet zu helfen, wenn eine Barriere doch mal zu groß ist.

Solche Kurse werden unter anderem vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband e.V. (DRS) angeboten und von eben diesem gibt es auch eine Übersicht aller Kurse in Deutschland. Auf http://www.rollstuhl-fahren-lernen.de kann man schauen, welche Termine demnächst anstehen. Für Kinder und Jugendliche kann man auch speziell bei den Rollikids auf http://www.rollikids.de schauen und auch nach Kindersportangeboten in der Nähe fragen.

Ist man auf einen Rollstuhl für das tägliche Leben angewiesen, sollte auch die Krankenkasse die Kosten für so einen Kurs übernehmen. Das bestätigte 2012 u.a. auch das Sozialgericht in Oldenburg (S 6 KR 412/12): „Gesetzlich versicherte Rollstuhlfahrer haben einen Anspruch auf die Übernahme der Kosten für einen Mobilitäts- und Rollstuhltrainingskurs.“, heißt es dort unter anderem.

Doch oft sehen dies die Krankenkassen anders. Es heißt, für die Einweisung sei der Leistungserbringer, also das Sanitätshaus zuständig. Aber haben die Sachbearbeiter der Krankenkassen ihren Führerschein auch beim Autokauf im Autohaus gemacht? Sicher nicht, denn auch dort ist klar, dass die technische Komponente vom Fachverkäufer übernommen wird, aber die Fahrfähigkeiten werden bei der Fahrschule erlernt.

Gerade für ein selbstbestimmtes Leben ist es enorm wichtig mobil zu sein. Kinder entdecken die Welt und lernen dabei. Je mobiler und selbstbestimmter sie das machen können, desto besser werden sie sich entwickeln – in allen Belangen. Auch ein erwachsener Mensch wird sein Leben besser gestalten können und lebenswerter empfinden, wenn ihm seine Mobilität möglichst einfach gemacht wird. Nur wenn Hilfsmittelversorgung und die Schulung in den Gebrauch des Hilfsmittels individuell auf die Situation des Menschen mit Behinderung abgestimmt sind, wird auch eine optimale Teilhabe am Leben möglich sein. Wenn wir also wieder mal von Inklusion reden, dürfen wir dies auf keinen Fall außer Acht lassen.

Nicht also das Laufen ist als normal anzusehen, sondern die Freiheit sich zu bewegen können und mit dieser Freiheit dann am Leben teilhaben zu können. Wenn der Rollstuhl erst mal beherrscht wird, ist auch das Bahn fahren, sowie das Autofahren kein großer Schritt mehr. Unabhängig von Alter, Behinderung oder Rollstuhlversorgung empfehle ich allen betroffenen Menschen sich über die Möglichkeiten zu informieren und an so einem Training teilzunehmen. Die Mobilitätskurse gibt es für alle Altersgruppen, sowie für Aktiv- und auch für E-Rollstuhlfahrer.

Ist das Fahren dann gelernt, bietet der Rollstuhl nahezu die selben Möglichkeiten, wie das zu Fuß gehen, nur ist man bergab deutlich schneller!

/David

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Mein erster Mobikurs

Als ich 2013 meinen Übungsleiterschein gemacht habe, verfolgte ich damit nur ein Ziel. Ich wollte anderen das Rollstuhlfahren beibringen. Denn meine Fähigkeiten habe ich auch nicht im Schlaf erhalten, sondern durch ein gutes Rollstuhltraining in der Reha. Nur haben nicht alle so ein Glück und deswegen wollte ich meines teilen.

Beim Riesenball mit Risenspaß!

Beim Riesenball mit Risenspaß!

Ich habe dann auch schon die ein oder anderen Mobilitätstrainingskurse angeboten, z.B. den Roll On Workshop mit der RBG Dortmund 51. Dort machen wir je wein Wochenende Training mit unterschiedlicher Wichtung.

Doch ich wollte unbedingt endlich bei dem Mobikurs der Rollikids mitmachen. Eine Woche Rollstuhltraining für Kinder und Jugendliche mit einem ganzheitlichen Programm, dass nicht in ein Wochenende zu pressen ist. Nun habe ich es endlich geschafft und war dabei. Hier nun meine Erfahrungen aus persönlicher Sicht eines Übungsleiters.

Immer am Ball: Wheelsoccer

Immer am Ball: Wheelsoccer

Ich war schon müde als ich in Bad Arolsen ankam. Ich musste früh aufstehen um den Zug zu erwischen und früh aufstehen ist nicht so meins. Als wir ankamen, gab es erstmal jede Menge Organisatorisches zu besprechen. Wer macht was wann. Welcher Übungsleiter kann was am Besten vermitteln? Wie teilt man sich auf? Wer geht zum Schwimmen, was wird daneben angeboten? Was gibt es als Programm neben dem Sport? Alles Fragen die nich zu klären waren. Dann trafen nach und nach die Familien ein.

Bei einer Kennenlernrunde erzählten alle von ihren Wünschen und Vorstellungen. Bei ersten Gesprächen konnte man auch noch mehr erfahren, ob nun beim Abendessen oder beim gemütlichen zusammen sitzen am Abend.

Am Ostersonntag ging es dann endlich richtig los. Als Vormittagsprogramm stand Schwimmen auf dem Plan. Ich blieb außerhalb des Wassers und bot als Alternative an mich für spezielle Wünsche anzusprechen. Da alle Kinder schwimmen wollten, hätte ich fast nix zu tun gehabt. Aber vor und nach dem Schwimmen fanden doch alle etwas Zeit und ich sammelte ein paar Ideen. Dieses wollte ich ab dem nächsten Tag in der Turnhalle umsetzen.

Beim Fangespiel Zauberer und Fee bleiben alle in Bewegung.

Beim Fangespiel Zauberer und Fee bleiben alle in Bewegung.

Das Wetter war sehr wechselhaft, doch beglückte uns die Sonne zur Osterralley und die Kinder konnten draußen nach den Nestern suchen. Als das geschafft war, ging es in die Sporthalle zum Kindersport. Hier sollten heute erstmal die Grundfertigkeiten vermittelt werden und natürlich wurde gespielt, Zauberer und Fee. Die Gruppe war von den Fertigkeiten und Behinderungen heterogen, so hatten wir eine Hälfte, die sehr schnell unterwegs war und eine Hälfte war gemütlicher unterwegs. Zauberer und Fee bietet aber tolle Möglichkeiten diese Unterschiede auszugleichen. So kann eine Fee die Verzauberten befreien und selbst nicht gefangen werden. Mit dem richtigen Verhältnis endet das Spiel vielleicht nie und alle sind in Bewegung.

Da man nicht nur beim Spiel, sondern auch beim eigentlichen Training alle einbinden und alle da abholen wollte, wo sie standen, mussten wir manchmal etwas flexibel sein. Wir schafften es aber die Kids immer gut auszulasten. Manchmal teilten wir die Gruppe um der einen Hälfte etwas anderes zu vermitteln, aber wir versuchten dies so selten wie möglich zu machen, denn die Gruppe sollte ja zusammen wachsen. Dies passierte auch und es war schön zu sehen, wie später die schnellen Kids die anderen mitnahmen, unterstützten und motivierten. Auch umgekehrt wurde viel angefeuert und auch die Kleinsten konnten sich für die Erfolge der anderen freuen.

Ab Montag bot ich dann Vormittags ein Alternativprogramm in der Turnhalle an. Da ein Wunsch war Transfertechniken zu üben, also das umsetzen, baute ich einen Parcour aus Kästen, Matten und Kisten auf. Dort konnte man sich von den Rollstuhl übersetzen und auf gleicher Höhe von Kiste zu Kiste oder

Rollstuhlfahren muss gelernt sein!

Rollstuhlfahren muss gelernt sein!

auf den Boden. Von den Boden auf eine Kiste oder in den Rollstuhl usw… Ich zeigte verschiedene Techniken wie man Höhen überwinden kann. Für Kinder ist ein Klettergerüst durchaus attraktiv, also erzählte ich nicht viel von Transfer, sondern von klettern und erklimmen, von Türmen, Dächern und Bergen. Drum herum entwickelte sich langsam ein Erlebnispark. Einige fuhren schnelle Runden um meinen Parcour, andere bauten Burgen aus großen Schaumstoffbauklötzern, um diese wieder umzufahren. Auch Seile wurden als Spielgerät entdeckt. Kinder können halt am Besten spielend lernen und so entwickelte sich hier ein Paradies, nicht nur für die Kinder. Immer mehr Eltern trauten sich in den Rollstuhl, welche sie beim Elternsport am Tag zuvor bekommen haben, und versuchten sich selbst.

Auch die Eltern mussten ran

Auch die Eltern mussten ran

Elternsport ist auch ein täglicher Programmpunkt und ein wichtiger. Es geht darum den Eltern zu zeigen, wie das Rollstuhlfahren funktioniert. Zum einen können sie dann ihre Kinder besser verstehen, zum anderen aber auch wirklich mal einen Tipp geben. Auch soll es zeigen wie viel Spaß Rollisport machen kann und wie viel es bringt, wieviel man durch Spaß und Bewegung lernen kann. Auch die Eltern wurde von Tag zu Tag besser. Besonders schön fand ich das Experiment, wo sich die Eltern abwechselnd in den Rollstuhl setzten und von anderen schieben lassen, um zu merken, was sie ihren Kindern manchmal unbewusst antun. Eine abrupte Bremsung oder ein Richtungswechsel, spontanes Ankippen oder wegdrehen, wenn man mit anderen redet, sind nur einige Beispiele. Aber die Eltern sollten auch Hindernisse überwinden und Kippeln, sowie den Spaß bei verschiedenen Spielen erfahren dürfen.

Neben dem Sport und dem Training fand ich den persönlichen Austausch sehr wichtig. Von Tag zu Tag wurde man lockerer, man schloss die Kinder ins Herz und bekam im Gegenzug Vertrauen. Man hatte für die Kinder einen so hohen Stellenwert, dass die Eltern mit den Kindern zu uns kamen und ihre Worte bestätigen lassen mussten damit die Kinder das glaubten. Aber wir waren ja auch die, die sogar den Eltern noch was beibringen konnten. Die Gespräche und der Austausch mit den Eltern war für mich sehr wichtig, manchmal sogar etwas emotional. Ich habe schon lange nicht mehr so oft und ausführlich über mich, meinen Unfall, meine Behinderung und all die Steine auf dem Weg hierher gesprochen. Aber es ist schön, wenn man merkt, dass diese Erfahrungen, welche für mich heute total normal sind, für andere wegweisend sein können.

sitzen und flitzen

sitzen und flitzen

Bei den Kids konnte man eine enorm schnelle Lernkurve beobachten. Ein Beispiel war das fahren ohne Kippräder. Beim ersten mal waren alle noch misstrauisch und taten das nur wiederwillig. Zwei Tage später war es schon kein Problem mehr, wenn auch nur für ein paar Minuten und natürlich immer mit mir als Vertrauensperson dahinter. Ich bin mir aber sicher, dass schon bald der Moment kommt, an dem  diese Kids die Kippräder gar nicht mehr brauchen und wollen. Bei einem bin ich mir sogar sicher, dass er die schon jetzt nicht mehr bräuchte. Aber es bringt nichts darauf zu drängen, zumindest nicht jetzt und sofort. Man kann immer mal wieder darauf hin trainieren und schon bald wird das von allein kommen.

Die beste Bezahlung ist ein Kinderlachen

Die beste Bezahlung ist ein Kinderlachen

Bei anderen aus der Truppe war der Erfolg ein anderer. Hier stand nicht das kippeln im Vordergrund, sondern sich generell zu bewegen. Es war schön zu sehen wie auch die „langsameren“ Kids aus sich heraus kamen und immer aktiver und fröhlicher wurden. Egal ob es ein Seil als Spielgerät zu entdecken galt oder die Motivation aus dem Wunsch heraus kam bei einer Betreuerin auf dem Schoß zu sitzen. Der Erfolg war, dass man aus eignem Antrieb diese Wünsche umsetzen konnte.

Die Woche ging schnell vorbei, zu schnell, wollte man doch gern noch so vieles einbauen. Aber am Ende waren auch alle fertig, auch wenn alle beteuerten gerne länger bleiben zu wollen. Vor allem die Kids konnten sich noch nicht damit abfinden, dass wir Tschüss sagen müssen. Die Betreuer, also wir, taten uns aber auch schwer, hatten doch die Kids alle ein Platz in unserem Herzen bekommen. Ein paar beherzte Umarmungen und das Wissen, viele von den Kids bald wieder bei anderen Rollisportangeboten oder einem weiteren Mobikurs zu sehen, konnte aber beruhigen und so mussten nicht allzu viele Tränen vergossen werden.

Mobikurs Truppe

Mobikurs Truppe

Ich jedenfalls freue mich schon auf den nächsten Mobikurs, der hoffentlich nicht wieder zwei Jahre auf sich warten lassen muss. Helft mit und meldet eure Kinder an, denn die Kurse sind teilweise nicht ausgebucht und je mehr die Nachfrage wieder wächst, desto eher wird es auch wieder Kurse in anderen Teilen Deutschlands geben. Alle Infos zu den Kursen bekommt ihr auf der Seite von den Rollikids www.rollikids.de

Also bis bald im Skatepark oder in der Sporthalle!

Auch Rolltreppe fahren muss gelernt sein

Auch Rolltreppe fahren muss gelernt sein

/David

Der Fotografenpapa :)

Der Fotografenpapa 🙂 (rechts 😉 )


Gedanken zu…Vorbildfunktion

Vorbildrolle? Beim rollen gern! - Foto: Anna Spindelndreier

Vorbildrolle? Beim rollen gern! – Foto: Anna Spindelndreier

In letzter Zeit werde ich öfter gefragt, wie es ist ein Vorbild zu sein und was es mir bedeutet. Jedes mal wenn ich diese Frage gestellt bekomme, mach ich mir meine Gedanken und eigentlich fällt die Antwort in der Kürze eines Interviews immer anders aus. Deswegen hier mal meine ausführlichen Gedanken dazu.

So ganz habe ich es wohl selbst noch nicht verstanden. Ich? Ein Vorbild? Wie ist das denn passiert? Eigentlich sehe ich mich immer noch lieber als den Rebellen, der einfach nur nicht das macht, was die Gesellschaft von einem erwartet. Denn nach meinem Unfall hieß es vor allem immer „Du kommst da nicht rein – das geht mit Rollstuhl nicht – da geht es nicht hoch“ und ich fühlte mich dadurch immer motiviert einen Weg zu suchen und dann zu sagen „DOCH!“. Dass ich damit einmal eine Vorbildrolle einnehmen sollte war mir nicht bewusst und heute ist das eigentlich immer noch so.

Blick nach vorn und ab gehts! - Foto: Anna Spindelndreier

Blick nach vorn und ab gehts! – Foto: Anna Spindelndreier

Natürlich weiß ich mittlerweile, dass jeder aktive und selbstständige Rollstuhlfahrer ein wichtiges Vorbild ist für Kinder im Rollstuhl oder auch für „Verunfallte“. Dennoch bin ich ja eigentlich immer noch „nur“ der Skater, der Rebell, der Unangepasste, der, der sich nicht sagen lässt wo er mit dem Rollstuhl rein, hoch oder runter kommt. Ich bin einfach ich und lass mich nicht in eine Rolle drängen. Doch genau das scheinen viele unter einer Vorbildfunktion zu verstehen. Ich muss nun der Heilige, sich immer adrett ausdrückende und zu jedem freundliche Rollstuhlfahrer sein. Aber auch ein Vorbild kann abseits seiner vorbildlichen Sachen einfach mal Mensch sein.

Gerade erst vor kurzem wurde ein Kommentar von mir gemeldet. Ich schrieb auf Englisch, weil war ja ein Video eines WCMX Kollegen aus den USA, dass sein Video „fucking awesome“ ist. In Deutsch hätte ich vielleicht geschrieben „geiler Scheiß“ oder „krasser Kack“. Das bin ich und wenn das schon reicht um diese Vorbildfunktion nicht mehr zu erfüllen, dann will ich das auch nicht sein. Natürlich kann man sich hier anders ausdrücken und natürlich soll man auch denken bevor man schreibt, aber ich werde nicht anfangen jedes mal zwei mal zu überlegen, sonder auch hier will ich einfach nur ich sein. Es gab eine längere Diskussion auf Englisch, in der es mich gewurmt hat, dass ich mich in Englisch eben nicht so gut und klar ausdrücken kann. Auch wurmt es mich jetzt, dass derjenige diesen Text hier gar nicht lesen wird, weil er ja gar kein Deutsch lesen kann. Schade eigentlich.

Kleine Erfolgserlebnisse in der Videoanalyse - Foto: Anna Spindelndreier

Kleine Erfolgserlebnisse in der Videoanalyse – Foto: Anna Spindelndreier

Aber zurück zu der oft gestellten Frage. Ja ich bin gerne Vorbild, wenn es darum geht ein posistives Beispiel für einen aktiven und selbständigen Rollstuhlfahrer zu sein. Ich bin auch gern Vorbild beim Sport, beim WCMX, meinetwegen auch beim Wheelsoccer oder anderen sportlichen Aktionen. Für Kinder, aber auch für alle anderen. Es gibt mir eine Menge, wenn Kinder sich durch mich motiviert fühlen, ihren Rollstuhl mehr zu nutzen und ihre Selbstständigkeit dadurch verbessern. Es ist toll, wenn „erworbene“ Querschnitte und andere „Frisch-Rollstuhlfahrer“ durch mich motiviert werden ihr „Schicksal“ zu überwinden oder aus ihrem „Loch“ herauskommen. Noch besser ist es, wenn ich es sogar schaffe ihnen zu vermitteln, dass es eben kein schlimmes Schicksal ist, sonder eine Chance. Eine Chance auf ein mobiles und selbstbestimmtes Leben. Das ist die Vorbildfunktion, die ich gern einnehme. Die, des lyrischen Wohltäters überlasse ich anderen, auch wenn ich wohl unterscheiden kann, wann und wo ich fucking scheißendreckarschmist sage und wo besser nicht.

Vorbild oder nicht, dass könnt ihr entscheiden. Am Ende bin ich einfach ich und das will ich bleiben. Verändert hab ich mich schon genug, denn vor wenigen Jahren hätte ich noch gesagt: Ick bin ick und dit bleibt so! Heute muss ich schon einen Berliner/Brandenburger gegenüber haben, dass mir mein so geliebter Dialekt noch automatisch über die Lippen kommt. Aber das ist ein anderes Thema.

In diesem Sinne, einen verkackt schönen Tag euch noch!

 

 


Die Wichtigkeit des gekonnten Rollens

Oft werde ich gefragt, wie ich das Rollstuhlfahren gelernt hab. Natürlich habe ich mir mittlerweile vieles beim skaten angeeignet, aber die Grundlage dazu hat ein ausgiebiges und umfangreiches Rollstuhl-, Mobiliäts- und Transfertraining gebildet. In meinem Fall war das während der Reha nach meinem Unfall und da hatte ich offenbar echt Glück.
Kippeltraining auf der Matte - Foto: RBG Dortmund 51

Kippeltraining auf der Matte – Foto: RBG Dortmund 51

Es gibt so viele Menschen die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, aber kein Rollstuhl- und Mobilitätstraining hatten. Oftmals weil das in der Reha vernachlässigt oder nicht ausgiebig genug gemacht wurde. Sehr oft auch, weil derjenige selbst in der Reha noch keine Akzeptanz für sein neues Gefährt entwickelt hat, um motiviert genug an diesem Training teilzunehmen und für sich im Alltag umzusetzen. Aber meistens, und das ist das traurige, sind es Menschen, die entweder schleichend zum Rollstuhl gekommen sind, also lange noch zu Fuß oder mir anderen Hilfsmitteln unterwegs waren, oder die seit der Kindheit einen Rollstuhl nutzen und nicht ausreichend genug in der Nutzung ihres Rollstuhls geschult worden sind.

Auch für Kinder ist ein Training sinnvoll - Foto: RBG Dortmund 51

Auch für Kinder ist ein Training sinnvoll – Foto: RBG Dortmund 51

Bei Kindern wird oft gesagt, sie seien noch zu jung und später wird das dann aber verschleppt bis es dann oft zu spät ist. Denn gerade für Kinder sollte man so ein Training frühzeitig ansetzen, damit sie ihre Mobilität voll ausnutzen können, denn nur so werden sie alle Möglichkeiten haben sich physisch wie psychisch optimal zu entwickeln. Man kann so ein Training ja auch altersgerecht gestalten, so dass auch Kinder frühzeitig und spielerisch den Umgang mit dm Rollstuhl lernen und später nach Stand der Entwicklung dann das Training auffrischen und fortsetzen. Nur so werden diese Kinder auch die Chance auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben haben. So ein Training wird u.a. von den Rollikids, der Kinder- und Jugendabteilung des DRS, angeboten. Dort gibt es ein ganzheitliches Konzept zur Schulung der Mobilität mit dem Rollstuhl. In 5 Tagen können dort von Fahrtechniken, über Transfertechniken, Alltagssituationen und vieles mehr trainiert werden, zusammen mit erfahrenen Rollstuhlfahrern und anderen Übungsleitern.

Aber auch für Erwachsene ist es immens wichtig. Egal ob der Rollstuhl als Folge eines Unfalls, einer Krankheit oder als Entscheidung aufgrund der eigenen Mobilitätssituation daher kommt. Bei einer Versorgung mit einem Aktivrollstuhl muss auch dringend ein ausführliches Mobilitätstraining erfolgen. Für Erwachsene gibt es neben dem DRS auch viele andere Anbieter, wie z.B. die Manfred-Sauer-Stiftung, oder regionale Behindertensportvereine.
Mobilitätstraining gemeinsam mit der DSW21 - Foto: RBG Dortmund 51

Mobilitätstraining gemeinsam mit der DSW21 – Foto: RBG Dortmund 51

In Dortmund machen wir, zusammen mit der RBG Dortmund 51, die Roll On Workshops, welche an verschiedenen Wochenenden verschiedene Themen nach eigenem Leistungsniveau anbieten. Dort kann dann zum Beispiel das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geübt werden oder an einem anderen Wochenende die Grundfahrtechniken, inklusive Kippeln und Kanten fahren. Mit einem starken Team von Übungsleitern, teilweise selbst Rollstuhlfahrer, und Partnern, wie die DSW 21 Verkehrsbetriebe, kann man so mit mehren Terminen im Jahr ein ausführliches Training gewährleisten.

Mit einem umfangreichen Training werden viele Barrieren überwindbar - Foto: RBG Dortmund 51

Mit einem umfangreichen Training werden viele Barrieren überwindbar – Foto: RBG Dortmund 51

Da die Schulung im Umgang mit dem Hilfsmittel bei einer Neuversorgung fest verankert ist, sollten eigentlich auch die Krankenkassen so ein Training bezahlen. Nicht jedes Rollstuhltraining kann mit der Kasse abrechnen, aber die vom DRS und den Rollikids angebotenen sollten in jedem Fall von der Kasse bezahlt werden können. Leider berufen sich die Krankenkassen darauf, dass die Schulung bei der Auslieferung des Hilfsmittels zu erfolgen hat und verkennen dabei, dass dies gar nicht machbar ist. Kein Sanitätshaus der Welt kann innerhalb weniger Stunden alle wichtigen Fahrtechniken vermitteln. Wer mehr über die Kostenübernahme von den Krankenkassen wissen will, kann sich den Artikel aus der Sport+Mobilitäthier anschauen.

EDIT: Patrick Moser hat in den Kommentaren eine sehr richtige und wichtige Ergänzung gebracht. Natürlich steht so ein Mobilitätskurs nicht nur aktive Fahrer zu. Ich möchte aber gar nicht so viel in eigen Worte packen, da Patrick dies wunderbar formuliert hat:

„…guter Blogeintrag, allerdings finde ich die Beschränkung auf Aktivrollstühle sehr schade. Das Suggeriert, dass man ein Mobilitätstraining nur braucht, sofern man einen Aktivrollstuhl nutzt. Ich finde jeder unabhängig vom Rollstuhltyp sollte ein Mobilitätstraining erhalten, damit jeder sein Mobilitätspotential voll ausschöpfen kann. Und auch das Gesetz beschränkt sich bei der Notwendigkeit einer Ausbildung im Gebrauch nicht auf Aktivrollstühle. Die wenigsten Rollinutzer fahren (leider) Aktiv- bzw. Adaptivrollstühle. An den Leitern solcher Kursangebote sollte es dann liegen, im Rahmen der Trainings auf die unterschiede zwischen den Rollstuhltypen hinzuweisen, mittels Demostühlen diese erspührbar zu machen und dann falls bedingt durch das Mobilitätspotential oder dessen Entwicklung notwendig, eine entsprechende Umversorgung mit einzuleiten.“

Vielen Dank Patrick. Ich denke es muss da einfach noch einiges passieren, damit wir auch für alle ein geeignetes Training anbieten können und so jedem helfen können, die für ihn bestmögliche Mobilität und Selbstständigkeit zu erreichen.