Rückblick 2020 – Ausblick 2021

Das Jahr 2020 – was gibt es dazu schon zu sagen. Ich könnte eine lange Liste erstellen, in der ich klage und beschreibe, was wir vermisst haben dieses Jahr. Viele ja nun Konzerte, Festivals, Skateevents und nicht zuletzt auch unsere eigene Hochzeit sind Corona zum Opfer gefallen.

Aber zum Glück kann ich auch auf positive Dinge zurück schauen. Daran möchte ich mich dann doch lieber erinnern, als an all die Dinge, die wir hätten tun können.

Das Jahr startete gleich mit einem, nein zwei Knaller. Bevor Corona uns das Reisen vermieste, waren wir zuerst in Tansania und fast direkt im Anschluss in Florida. Diese Kombination von kurz aufeinander folgenden großen Reisen hatte es nicht nur organisatorisch in sich, sie hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Tansania, wo wir vor allem mit Haydom Friends e.V. die Situation von Kindern mit Spina Bifida verbessern wollten und dort in einer sehr Rollstuhlfeindlichen Umwelt unterwegs waren, in der es sich aber doch sehr angenehm gelebt hat. Und dann die USA, wo Barrierefreiheit und Inklusion schon um einiges besser geregelt ist und gelebt wird, als bei uns zuhause.

Doch nicht nur die Barrierefreiheit machte einen großen Unterschied, auch die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede waren sehr stark. Tansania war als eines der ärmsten Länder der Welt an vielen Stellen einfach nicht so gut ausgestattet und vieles fühlte sich für uns einfach anders an, aber dann gab es doch so viele Sachen, bei denen wir uns noch etwas abschauen sollten. Es war extrem toll zu sehen, dass pragmatische und schnelle Lösungen gesucht worden sind, um zum Beispiel eine Schule für einen Rollstuhl befahrbar zu machen oder einen Rollstuhl zu reparieren. Auch das Händewaschen wurde da schon ausgiebig gemacht bevor es 2020 zum Thema wurde, denn vor jedem Essen ging eine Schüssel Wasser uns Seife herum- immer und über all.

David zieht ein kleines Kind im Rollstuhl mit einem Seil
David spielt mit Muhsa Foto: Haydom Friends e.V. / Lars Wehrmann

Aus Tansania habe ich vor allem die Hoffnung mitgenommen, dass man auch mit kleinen Schritten viel erreichen kann und das wir in Deutschland kaum andere Aufgaben zu bewältigen haben. Wir kämpfen hier immer noch um Anerkennung unserer Rechte, um Barrierefreiheit und Teilhabe an der Gesellschaft und das ob wohl wir hier so viel mehr Geld zur Verfügung haben. In Tansania geht es um die selben Themen für die Menschen mit Behinderung, doch zusätzlich gibt es keine ausreichende medizinische Versorgung in vielen Teilen des Landes, es gibt keine Krankenversicherung, kaum Hilfsmittel und barrierefreie Schulen. Dennoch hatten wir das Gefühl, dass wir mit den selben Mitteln, wie wir sie in Deutschland einsetzen, so viel bewegen können. Denn Kinder durch Bewegung Erfolgserlebnisse bringen, ihnen Freude an eigenständiger Aktivität bringen und dadurch zu einem ersten Schritt in Richtung selbstbestimmtes Leben bieten bringt auch mit schlechterem Equipment etwas. Auch wenn wir hier und da mal improvisieren mussten und noch nicht alles umsetzbar war. Es war ein erster Schritt in Richtung Mobilität und Teilhabe für die Kinder im Spinda Bifida Programm der Klinik Haidom.

Ausführlichere Beiträge zur Reise findet ihr übrigens hier: Tansania Reise – Teil 1

Kurz darauf ging es nach Florida. Warum diese Reisen so nah aneinander lagen kann ich kurz erklären: Die Florida Reise war hauptsächlich eine Wettkampfreise. Wir wollten die Saison 2020 nach meiner Verletzungsbedingten Pause möglichst früh einleiten und so hatten wir die Reise schon geplant und gebucht, als wir von der Chance erfuhren mit nach Tansania zu können. Da wir aber jede USA Wettkampfreise auch zu einem Urlaub machen, wurden es dann halt zwei große Reisen direkt nacheinander.

Corona fing langsam in den Medien an Thema zu werden und bei jedem Husten wurde man schnell vorsichtig und dann bekam Lisa auch noch eine Erkältung. Wir landeten in Miami, aber weil die Hotels in Miami so unglaublich teuer waren, verbrachten wir erstmal nur eine Nacht dort, besuchten Freunde und schauten uns in Miami Beach um. Dann machten wir uns auf nach Orlando. Nun ja wir dachten Orlando, kennt man doch, dann muss da auch was los sein… Nun ja es war nicht unsere beste Entscheidung. Die Skateparks waren okay, aber außer eine irrsinnig hohe Anzahl an völlig überteuerten Vergnügungsparks hatte die Stadt nicht wirklich viel zu bieten. Wir schauten uns eine Art Zoo an, in der hauptsächlich Alligatoren zu sehen waren und verbrachten etwas Zeit mit dem dort lebenden WCMX Athlet Jerry Diaz, bevor es nach St. Petersburg ging, wo der Contest stattfand. Es war schön wieder viele bekannte Gesichter zu sehen und hätte man geahnt, dass die Weltmeisterschaft ausfällt, hätte man das wohl noch mehr zelebriert. Aber der Contest war toll, Summer Feeling im Februar und der 3. Platz im internationalen Vergleich machten es zu einem tollen Saisonstart.

Ein Video von unserer Florida Reise gibt es hier: https://youtu.be/MNm0O5v40-A

Auf dem Bild zeigen drei Rollstuhlfahrer ihre Medaillen hoch, dahinter stehen zwei Männer und eine Frau vor einer Beton Skate Rampe
Ein 3. Platz hinter Aaron Fotheringham und Robert Thompkins ist ein sehr gutes Ergebnis.
(Das wir auf dem Foto hinten Rechts einen Ableistischen Schwurbler hatten, konnten wir zu dem Zeitpunkt leider noch nicht ahnen.)

Und dann schlug es ein: Corona. Wir besuchten nach unserer Heimkehr noch meine Großeltern um den Geburtstag meines Opas nachzufeiern und direkt eine Woche später kam die Ansage „Stay at Home“, später der Lockdown. Die erste zeit waren wir etwas überfordert und wussten nicht was wir nun tun sollten. Wir trauten uns nicht unsere geplante Hochzeit weiter zu planen und es hagelte Veranstaltungsabsagen. Wie gesagt die Liste von Dingen, die wir eigentlich in 2020 machen wollten ist lang… sehr lang.

Aber dann haben wir uns aufgerafft und angefangen die so gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen und gemeinsam mit unserem neuen Partner SUPR SPORTS das sit’n’skate Projekt auf ein neues Level zu bringen. Nun ganz so schnell ging das nicht, denn erstmal mussten wir Gedanken sortieren, Ideenschubladen durchforsten und viel überlegen, reden und abwägen. Doch am Ende des Sommers stand dann der Plan, dass sit’n’skate ein gemeinnütziges Projekt ist innerhalb der SUPR SPORTS gUG und das hat für uns viele Vorteile, bringt aber auch eine ganz andere Art zu arbeiten mit sich.

Wir können nun Spenden annehmen und sind schon fleißig dabei Förderanträge zu schreiben, um ein solides finanzielles Grundkonstrukt zu erarbeiten für all die Projekte die wir angehen wollen. Wir wollen vor allem in Hamburg noch mehr regelmäßig anbieten, wieder Summer Camps in den Ferien machen und unsere Online Formate ausbauen. Aber wir wollen auch endlich Ideen umsetzen und angehen, die bisher nur in einer Schublade verstaubt sind, weil man keine Zeit dafür hatte.

Bevor ich aber zum Ausblick auf das neue Jahr komme, will ich mich auch nochmal kurz freuen, dass neben den ganzen Absagen auch ein paar wenige Skate Events im Sommer 2020 stattfinden konnten und wir in Garmisch Patenkirchen mit Gorilla Kids Rolliskaten probieren lassen konnten, mit BuB e.V. doch noch auf einen Berg gekommen sind und natürlich Leipzig und Halle wieder Teil des sit’n’skate Jahres waren.

Dank Gorilla sind wir dann wenigstens einmal durch Deutschland gefahren um unsere gemeinsame Mission an das Kind oder den Jugendlichen zu bringen

Am Ende war es ein ungewöhnliches Jahr, dass viel umgeworfen hat, aber nun bei uns auch etwas in Gang gebracht hat, dass wir bisher viel zu Lange hinausgezögert haben: eine professionelle und strukturierte Organisation für eine nachhaltige und langfristige Arbeit.

Da wir aber nicht alles gleich auf einmal schaffen können, wollen wir 2021 vor allem erstmal zwei Sachen in den Fokus rücken: die regelmäßigen RollstuhlSkate Treffen in Hamburg sollen weiter ausgebaut werden und an verschiedenen Orten stattfinden. So können wir nicht nur Abwechslung schaffen, sondern auch je nach Level und Fähigkeit einen geeigneten Rahmen anbieten, damit die Erfolgserlebnisse weiter ihre positiven Effekte auf die Entwicklung der Kinder bringen können und sie nicht aus unserem Angebot heraus wachsen. Das Zweite ist die Online Präsenz, denn auch Videos brauchen viel Liebe und vor allem Zeit um so richtig gut zu werden und an letzterem fehlte es uns in der Vergangenheit leider zu oft.

Außerdem wollen wir daran arbeiten die allgemeine Struktur organisatorisch so zu gestalten, dass sit’n’skate noch lange Kinder mobil und selbstbewusst machen kann und nicht zu letzt auch wirklich nachhaltig unserem Motto gerecht wird: Destroying Stereotypes.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein gutes Jahr 2021 und wir hoffen sehr, dass wir auch alle bald wieder sehen können in den Skateparks dieser Welt.

Frohes Neues Jahr euch allen!

Auf das wir bald wieder so zusammen kommen können! Foto: RBG Dortmund 51/Anna Spindelndreier

Spenden für sit ’n‘ skate könnt ihr übrigens folgendermaßen:

Über das Spendenkonto von SUPR SPORTS (Betreff „sit n skate“)

SUPR SPORTS gUG (haftungsbeschränkt)
GLS Gemeinschaftsbank eG
IBAN: DE96 4306 0967 2070 5155 00
BIC: GENODEM1GLS

Oder per Formular auf der Startseite von www.sitnskate.de

Vielen Dank für eure Unterstützung!

Ninahitaji kiti changu

Ich brauche meinen Stuhl auf Swahili heißt: „Ninahitaji kiti changu.“

Woher ich das weiß? Warum ich das schreibe? Nunja, ich versuche mich seit ungefähr einem Monat daran eine neue Sprache zu lernen. Und nicht etwa Spanisch oder Chinesisch, weil das die neben Englisch am meisten gesprochenen Sprachen auf der Welt sind. Nein, ich versuche mich an Swahili, weil wir im Januar 2020 ein paar Tage in Tansania sein werden.

Natürlich kann man sich dort, wie fast überall, sicher gut mit Englisch durchschlagen. Auch wird mein Swahili wohl bis dahin noch längst keine tiefgründigen Gespräche zulassen. Doch hinter dieser Reise steckt ja nicht nur ein Urlaub oder die Befriedigung unserer Lust darauf die Welt zu entdecken. Vor allem reisen wir nach Tansania, um gemeinsam mit dem Verein Haydom Friends e.V. die Spina Bifida Familien am Lutherischen Krankenhaus in Haidom zu unterstützen und den Kindern in Zukunft dort mehr Teilhabe und Mobilität zu ermöglichen.

Aber Moment mal! Braucht es dazu denn wirklich uns? Schon wieder weiße privilegierte Europäer, die den Afrikanern zeigen wie es richtig läuft? Nein, natürlich wollen wir keine neue Abhängigkeit schaffen, sondern wir wollen das machen, was wir auch hierzulande tun. Wir wollen Kinder motivieren ihren Rollstuhl zum spielen zu nutzen, für Sport und eben für ihre eigene Mobilität. Wir wollen ihnen Bewegungserfahrungen anbieten, um aus dem ewigen „das kannst du mit dem Rollstuhl nicht“ der Gesellschaft auzsubrechen.

Außerdem wollen wir, so wie hierzulande auch, ein Umdenken anstoßen. Denn hier wie dort sind es die mangelnden Vorstellungen der Gesellschaft daran, was ein Rollstuhlfahrer kann und nicht kann, die Teilhabe so schwierig machen. Die Vorstellung, dass Kinder im Rollstuhl gemeinsam mit anderen Kindern zu Schule gehen, gemeinsam lernen und spielen. Das ist nicht nur ein Thema in Tansania, sondern eben auch hier. Und warum sollten wir unsere Arbeit nur auf Europa beschränken? Für uns sind alle Rollikids dieser Welt wichtig!

Sicher wird der Ist-Zustand in Tansania ein anderer sein, aber Kinder sind Kinder und haben einen natürlichen Drang die Welt mit ihren Augen zu entdecken. Doch diese Welt ist mit Barrieren gepflastert und die Kinder müssen befähigt werden, diese nach Möglichkeit zu überwinden- zumindest so lange diese Barrieren noch existieren. Ein Rollstuhl, den man effektiv antreiben kann und die Fähigkeit diesen zu nutzen sind dabei die wichtigsten Werkzeuge und bei diesen Themen sehen wir die Möglichkeit unsere Kompetenz und Erfahrung einzubringen.

Die Rollstühle, welche bereits in Tansania gebaut werden, könnten mit wenigen Änderungen diese Werkzeuge sein und eine nachhaltige Versorgung gewährleisten. Und wenn die Kinder erstmal gut anzutreibende Rollstühle haben, werden sie mit denen spielen und sitzend und flitzend die Welt entdecken. Wir hoffen ein nachhaltiges Mobilitätspaket starten zu können, dass dann Schule macht und sich von Haidom aus verbreitet und auch adaptiert werden kann um die Bedürfnisse vor Ort zu matchen.

Wann es den ersten WCMX Workshop in Tansania geben wird, wissen wir noch nicht. Es gibt bisher einen einzigen Skatepark in der Hauptstadt Dodoama, viele Stunden Autofahrt von der Klinik entfernt. Dieses mal werden wir es dort leider nicht hin schaffen. Aber in der Hoffnung bald erneut vorbeischauen zu können, werden wir dies sicher als einen der nächsten Schritte anstreben.

Ein großes Problem sehen wir tatsächlich noch in der teilweise sehr ableistischen und abergläubischen Sichtweise vielerorts. So hörten wir, dass Familien teilweise nicht mit ihren Kindern in ihr Dorf zurück können, weil sie als verflucht oder verhext gelten. Sie dürfen nicht an Schulen, weil ihnen der Weg nicht zugetraut wird, weil man nicht glaubt, dass sie Erwachsen werden können oder dieses Wissen irgendwann brauchen können. Hierbei berichte ich nur davon, was ich gehört hab und ich hoffe, dass es am Ende alles halb so wild ist. Aber wenn doch, was kann mehr helfen als Vorbilder, die diese Denkweisen sprengen? Und bis eigene Vorbilder im Land vorhanden sind, bilden wir die Spina Kids aus, damit sie möglichst bald selbst zu Vorbildern werden können. So wie wir es hier in Deutschland auch tun würden – mit den Rollikids und mit sit’n’skate!

Oh habe ich noch gar nicht erwähnt, dass wir auch versuchen den Mount Meru zu besteigen? Nein? Dann sei das hier noch einmal kurz erwähnt, dass wir bekloppt genug sind einen Berg zu besteigen, der schon vielen fußläufigen Wanderern zu schwierig ist. Ob wir es nun bis auf den Gipfel schaffen oder nicht, allein, dass Rollstuhlfahrer den Versuch starten diesen Gipfel zu erreichen, sollte die Menschen in Tansania hoffentlich einen Gedanken aufdrängen: „Wenn Menschen mit Behinderung diese Berg in Angriff nehmen können, ohne zu wissen ob sie es bis ganz nach oben schaffen, vielleicht können dann Kinder im Rollstuhl in die Schule gehen, auch wenn man nie weiß ob es später zu einem Beruf oder einem Studium führen wird.“

In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr uns auf dieser spannenden Reise folgt. Virtuell, hier, oder auf Facebook, Instagram und Co. Oder ihr wandert mit? Oder ihr unterstützt den Verein Haydom Friends beim Bau eines neuen Gebäudes in dem noch mehr Familien Platz haben sollen, wenn sie bspw. noch nicht in ihr Zuhause zurückkehren können oder für medizinische oder rehabilitative Maßnahmen an die Klinik zurückkehren müssen.

In diesem Sinne, wünscht uns „Safari njema“ – eine gute Reise!

Kwa heri, tutaonana baadaye!

/David

Auf dem Bild verlässt eine große Menschenmenge die Tore der Klinik in Haydom, ganz vorne Kinder im Rollstuhl.
Es gibt noch viel zu tun für die Rechte von Menschen mit Behinderung! – Destroying Stereotypes worldwide! Foto: Haydom Friends e.V.

PS: Großen Dank geht an Dr. Theresa Harbauer, die den Verein Haydom Friends ins Leben gerufen hat und der Firma Wellspect, die die Klinik in Haydom schon eine Weile mit Material versorgt und uns nun diese Reise ermöglicht.

interessante Links:

Haydom Friends e.V.

Spenden auf Better Place Org