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Rolli Skate Kids

Amos und Max nach der Siegerehrung der 1. German WCMX Championships - Foto: DRS|Mandau

Amos und Max nach der Siegerehrung der 1. German WCMX Championships – Foto: DRS|Mandau

Dieser Beitrag wurde bereits in der Rollikids Ausgabe des DRS Verbandsmagazins „Sport und Mobilität“ abgedruckt. Nun auch hier für euch verfügbar.

Bei den 1. International WCMX Championships wurden Meistertitel und Medaillen in verschiedenen Kategorien verliehen – aber unabhängig von der Platzierung waren die Rollikids die Sieger der Herzen! Die jüngste Teilnehmerin war Aylin Bülbül aus Bielefeld. Mit ihren 5 Jahren, ihrem Elan und ihrem schrillen pinken Outfit verzauberte Sie Zuschauer und Starterfeld gleichermaßen. Aylin kam schon vor knapp 3 Jahren zum ersten mal zu einem von Davids Skateworkshops in Dortmund. Damals hatte sie sich immer hinter Muttis Bein versteckt, doch auch dort hatte sie schon große Lust sich im Skatepark auszuprobieren – wenn niemand guckt. Heute fahren Aylins Eltern zu vielen Veranstaltungen, wie WCMX Workshops, Skatepark Eröffnungen und nun auch Competitons um Aylins Talent zu fördern. Aktuell sammeln Sie auch Geld über eine Spendenaktion um Aylin auch einen wachstumsanpassbaren Skaterollstuhl anpassen zu lassen.

Doch nicht nur Aylin zeigte was die Rollikids im Skatepark so drauf haben. Auch Amos Donath aus Leipzig und Tom Brimacombe aus Potsdam drehten ihre Runden im Skatepark. Tom drehte Kreise im gesamten Skatepark und Amos fuhr selbstständig schon alle steilen Rampen alleine rauf und natürlich wieder runter. Man konnte richtig gut sehen, wie gut die Drei ihren Rollstuhl beherrschen. Hierbei hilft der Skatepark natürlich ungemein, denn für die Kids ist es eine Spielwiese in der sie ihre Grenzen austesten und ihre Fähigkeiten erweitern können – spielerisch.

Bei den etwas „älteren“ Rollikids gab es Spitzenplätze zu vermelden. Til Augustin gewann Gold bei den Beginnern und sicherte sich damit den Deutschen Meistertitel in dieser Kategorie – zweiter wurde dort Pierre Richter. Til und Pierre kommen aus Chemnitz und kennen sich vom Basketball. Nun treffen sie sich bestimmt des öfteren im Chemnitzer Skatepark. Wir hoffen auf jeden Fall auf ein Wiedersehen mit den Rollikids bei den Deutschen WCMX Meisterschaften 2019 oder sogar bei den WCMX World Championships am 31. August und 1. September 2019 in Köln.

Kaum zu erahnen was diese Rollikids in wenigen Jahren zeigen werden. Bleibt gespannt und verfolgt den Weg dieser jungen Athleten in dieser jungen Sportart.

Die ganze Crew - und Aylin mittendrin! - Foto: DRS|Mandau

Die ganze Crew – und Aylin mittendrin! – Foto: DRS|Mandau

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10 Jahre Rolliläum

Vor 10 Jahren bin ich bei einer Geburtstagsparty angetrunken von einem Treppengeländer gepurzelt, den Treppenschacht hinunter gestürzt und mir dabei den Rücken gebrochen. Ziemlich schmerzhaft, ziemlich blöd und mit der Konsequenz einer Querschnittlähmung!

Die Diagnose – ein Schock! Ungewissheit, Trauer und Sorge waren die ersten Gefühle die ich hatte. Ich konnte die ersten Tage nur im Bett liegen, mich nicht alleine drehen und schon gar nicht aufstehen. Und was macht man dann? Man schaltet den Fernseher ein! Und Glück im Unglück liefen dort die Paralympics. Perfekt abgepasst, zeigte mir dieser schnelle und attraktive Sport doch eine Perspektive und gab mir neue Hoffnung.

Die ersten Tage fühlten sich dann eher so an, als ob man sich etwas gebrochen hat und man bald wieder nach Hause kommt und alles beim Alten ist. Doch so war es nicht und auch das wusste man ja irgendwie. Die ersten Wochen und Monate waren ein Mix aus Hoffnung, Fortschritten, neuen Perspektiven, aber auch Depressionen und Trauer. Als die Physiotherapeutin das erste mal den Rollstuhl ans Bett schob, war es eine Befreiung.  Endlich kam ich aus diesem Bett raus und konnte mich selbst bewegen. Der Rollstuhl, so viel war klar, ist hier nicht das Problem!

In der Reha war ich hochmotiviert mein neues Fortbewegungsmittel kennen zu lernen. Mein oberstes Ziel war aber wieder selbstständig zu werden. Ich wollte keine Hilfe brauchen! Sah ich eine Lücke im Therapieplan, habe ich sie füllen lassen, hatte ich Freizeit, war ich im Kraftraum, in der Sporthalle oder im Treppenhaus mit meinem Rollstuhl – Treppen fahren üben.

Ein Freund zeigte mir ein Video von Aaron Fotheringham und ich wusste, dass alles was ich über Rollstuhlfahrer zu wissen dachte, für’n Arsch ist. Vorurteile aus der Gesellschaft und den Medien, die nicht im Ansatz stimmten. Keine Pferdedecken, kein Gesabber, naja manchmal ein bisschen Gesabber… und vor allem keine Hilfe von irgendwelchen Schiebomaten!

Als ich gelernt hatte vom Boden wieder in den Rollstuhl zu kommen, was harte Arbeit war, fuhr ich sofort in den Skatepark. Schließlich konnte mich jetzt nichts mehr aufhalten. Als ich die Rampen sah, gab ich Gas. Ich fuhr auf die Quarter zu, fuhr hoch und fiel um. Alle BMXer sprangen auf und dachten wohl ich wollte mich umbringen oder so… Aber ich lag am Boden und war der Glücklichste Mensch der Welt!

WCMX, Hardcore Sitting, Chairskating, egal wie man es nennt oder genannt hat. Es war mein Anker, meine neue Hoffnung, meine Freiheit. Das Gefühl dort am Boden zu liegen, der Rollstuhl neben mir und zu wissen ich stehe wieder auf und probiere es nochmal, war berauschend. Ich versuchte es wieder und kam auch irgendwie wieder heil unten an. Seit dem besuchte ich den Skatepark regelmäßig. Anfangs waren es weniger Tricks, als einfach eine Spielwiese um meinen Rollstuhl noch besser beherrschen zu lernen.

Auch in der Stadt nutzte ich jede Gelegenheit, Treppen, Rampen, Kanten, Mauern, alles was potentiell nicht mit dem Rollstuhl bezwingbar war, war gerade Herausforderung genug. Wenn jemand sagte: „Da kommst du mit dem Rollstuhl nicht hoch/rein.“ Dann war das mein Startzeichen!

2012 flog ich das erste mal in die USA um mit anderen Rollstuhlskatern bei They Will Skate Again eine fette Session zu haben. Ich lernte in den 2 Tagen dort mehr als in den 4 Jahren zuvor! Nicht zuletzt deswegen wollte ich nun auch in Deutschland andere begeistern mit mir in den Skatepark zu kommen. Doch vielen Skatehallen war das noch zu heikel, Versicherung und so…

Auf einem Sommerfest der UKB Berlin lernte ich jemanden vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband kennen. Er meinte wir sollten Skate Workshops organisieren und ich war Feuer und Flamme. Zusammen mit dem Hamburger Verein UTE e.V. gab es dann auch bald den ersten Skate Workshop für Rollstuhlfahrer in Hamburg.

Ich war zwar regelmäßig skaten und spielte auch Rollstulhbasketball, aber in Helsinki fand ich eine neue Spielwiese: Die Natur! Die Felsen, in der Eiszeit geformt, waren wunderbar um sie mit dem Rollstuhl zu bezwingen. Ich machte davon Videos und stellte sie auf Youtube und sie wurden gesehen! Sogar von jemanden, der mir daraufhin ein Jobangebot in Dortmund machte.

Nach meiner Zeit in Berlin, die eine Phase des „es kann jeden Tag vorbei sein“ Lebens war mit viel Party, Konzerten, Fast Live halt, war Dortmund nun viel ruhiger. Vor allem hatte ich eine feste Arbeit, einen geregelten Rhythmus und es kamen die Skateworkshops dazu. Ich fand also gleich mehrere neue Aufgaben. Aufgaben, die mich erfüllten und glücklich machten. Der Typ, der einen Treppenschacht runter gefallen ist, ist nun auf einmal Vorbild und Motivation für andere.

Bei einem dieser Skateworkshops lernte ich Lisa kennen. Sie war Teilnehmerin eines Skateworkshops in Kassel und, so berichten Augenzeugen, funkte es direkt sehr stark zwischen uns. Obwohl ich behaupte, den Workshop ganz professionell durchgeführt habe und niemanden besonders bevorzugt habe. Aber die Funken waren wohl hell und so trafen Lisa und ich uns schon am nächsten Tag wieder in der Dortmunder Skatehalle. Trotz der hellen Funken brauchten wir noch einige Skate Sessions, Kinobesuche und sogar einen Hamburgtrip um diese Funken endliche selbst zu erkennen.

Ein grünes neues Jahr! - Foto: Anna Spindelndreier

Ein grünes neues Jahr! – Foto: Anna Spindelndreier

In den folgenden Jahren gab es viele Skate Workshops und es entstand eine kleine Szene, mal aktiver und mal weniger, aber beständig wachsend. Medieninteresse begleitete die Anfangsphase, was die Nachfrage in enorme Höhen katapultierte. Das Problem war, dass ich mittlerweile fast jedes Wochenende unterwegs war und kaum noch Zeit hatte etwas anderes zu machen. Fast unbemerkt war ich dem Burnout nahe. Zum Glück fanden sich mittlerweile einige Skater, die Workshops übernehmen konnten, sodass ich mich etwas sortieren konnte.

In dieser Sortierung entstanden neue Projekte, wie z.B. sit’n’skate, was aber auch Schritt für Schritt passierte. Ich musste mich erst freiberuflich selbstständig machen, ein Filmprojekt starten und Teil eines gleichnamigen Fotobandes sein um das Offensichtliche zu sehen: SIT N SKATE!

Mittlerweile darf ich mich Deutscher WCMX Meister nennen, war Weltmeister, bin mehrfacher Bronzegewinner bei internationalen WCMX Competitions. Es gab die ersten WCMX Meisterschaften in Deutschland, ich bereise mit Lisa die Welt, wohne in Hamburg und habe einen Job und Aufgaben für die ich gerne aufstehe.

1. International German WCMX Championships 2018 Foto: Michler/Mandau

1. International German WCMX Championships 2018 Foto: Michler/Mandau/DRS

Als ich vor 10 Jahren die Diagnose bekam, war das alles nicht vorherzusehen. Es war schlicht unmöglich mit dem Rollstuhl skaten zu gehen oder die Welt zu bereisen. Es war unvorstellbar, dass dieses Häufchen Elend in dem Krankenhausbett ein Vorbild und Motivator für andere sein könne. Aber mit kleinen Zielen und den damit verbundenen Erfolgserlebnissen konnte ich das Unmögliche möglich machen und schaffe heute Sachen, die ich vorher für nicht möglich gehalten habe!

Auch heute ist es unvorstellbar was in den nächsten 10 Jahren passiert, aber dieses mal bin ich mir sicher, dass wir in 10 Jahren wieder auf tolle Erinnerungen, große Erfolge und viele Meilensteine zurück blicken können. In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre und die beginnen heute mit einem Roadtrip Richtung Süden… Stay tuned!


#nichtmeingesetz

Ich hab mich eigentlich nie großartig für Politik interessiert. Ich war zwar immer wählen, aber so richtig beschäftigt und auseinander gesetzt hatte ich mich damit nie. Nun, irgendwie habe ich mich auch nie so richtig davon betroffen gefühlt.

Nach meinem Unfall war das nicht viel anders. Ich musste mich zwar zum ersten mal mit Gesetzestexten rumschlagen um meine Widerspruchsschreiben bei der Krankenkasse zu würzen, aber sonst interessierte es mich immer noch sehr wenig. Zu den Wahlen flammte es dann ab und an etwas auf, aber auch schnell wieder ab. Denn in keiner Partei fühle ich mich wirklich gut aufgehoben, weder früher, noch heute. Bei der Wahl galt für mich immer irgendein geringes Übel, mit den besten Sprüchen oder den blumigsten Aussichten, die es aber eh nicht schafften.

Dann war ich das erste mal in der USA und seit 2012 dann jedes Jahr. Ich war erstaunt über die drastischen Unterschiede zu Deutschland. So viel Barrierefreiheit und überall Behindertentoiletten, völlig selbstverständlich. Hohe Bußgelder für das unberechtigte Parken auf Behindertenparkplätze, viele Abschleppwagen, die das auch durchsetzten und Busse, Züge und Taxis, die ohne jegliches zögern alles möglich machten, damit du ans Ziel kommst. Alles völlig selbstverständlich oder? Aber das war und ist es in Deutschland leider nicht.

Ich erfuhr vom Teilhabegesetz der USA: Americans with Disability Act oder kurz ADA. Jeder kannte es, nutze es und es war offensichtlich, dass diese Regelungen ein Grund sind, dass Teilhabe dort so selbstverständlich ist.

Dann gab es endlich Pläne auch in Deutschland ein Teilhabegesetz zu verabschieden. Das freute mich, denn ich erhoffte mir ja eine ähnliche Entwicklung. Doch nun wird das Bundesteilhabegesetz kaum Ähnlichkeiten mit dem der USA haben. Auch nicht, wenn man das Behindertengleichstellungsgesetz hinzu zieht. Es werden keine Regelungen getroffen, dass Arztpraxen, Boutiquen, Imbissläden, Restaurants oder andere private Unternehmen barrierefrei sein müssen. Nicht mal der Versuch einer Regelung, dass diese es versuchen müssen, wenn die Durchführung super einfach ist. Beim ADA wird dies klar geregelt, es gibt auch dort Ausnahmen, aber eben mit klaren Regeln!

Weiter fehlt mir im Bundesteilhabegesetz eine Verbesserung des ÖPNV, der Bahn, Reisebusse und anderen Beförderungsunternehmungen. Auch das findet im ADA deutlich mehr Beachtung. Nicht falsch verstehen, nach wie vor gibt es die Möglichkeit den Nahverkehr mit Wertmarke zu nutzen, es gibt Kostenerstattungen und Vergünstigungen. Aber was bringt mir das, wenn die Bahnhöfe, Züge und Busse nicht ausreichend Platz bieten bzw. nicht barrierefrei ausgebaut sind?

Ich gebe zu, dass die Punkte, die mich direkt berühren vergleichsweise gering erscheinen, wenn man sich die Kritik anschaut, die von vielen Menschen und Verbänden im Internet und auf Demonstrationen in Richtung des Ministeriums für Arbeit und Soziales und des Bundestags gesendet wird.

Doch dann machten wir etwas, dass ich mir wohl nie hätte vorstellen können: Lisa und ich guckten uns Bundestagssitzungen und eine Fragestunde an. In voller Länge und aufmerksam. Wir waren wirklich sehr interessiert und es freute uns, dass die Opposition die Kritik ehrlich und unverfälscht in den Bundestag brachte. Was uns dann schockierte, war der Umgang damit bei den Regierungsparteien. Die Debatten kann man sich auf bundestag.de Eine Kurzform gibt es hier (etwas zurecht geschnitten 😉 ) https://www.youtube.com/watch?v=q-7JZTD1GTQ

Die Antworten der SPD und CDU waren keine echten Antworten. Sie versteckten sich hinter den immer gleichen Ausreden und konterten mit sich wiederholenden Fakten. 700 Millionen werden in die Hand genommen und trotzdem 5 Milliarden Entlastung der Kommunen… Toll, aber das war nicht die Frage! Und immer wieder diese Selbstbeweihräucherung: „Es ist ein gutes Gesetz.“ Dabei hat es anscheinend nur einen tollen Namen für ein Gesetz, dass die Chance gehabt hätte, echt gut zu sein. Eine weitere oft wiederholte Phrase war: „Es wird für viele Menschen Verbesserungen geben.“ – aber was ist das für eine Aussage auf eine konkret gestellte Frage? Als ob ich im Supermarkt frage, warum es keine Äpfel mehr gibt und mir nur geantwortet wird: „Es wird für viele Menschen Bananen geben“. Aber warum ich keine Äpfel bekomme, bleibt offen.

Ja ich weiß, der Obstvergleich ist madig und ist auch nicht mein bester Spruch, aber alles in allem war ich einfach tierisch geschockt, dass offenbar keiner auf die Kritik eingehen möchte. Es soll so durchgedrückt werden. Kritiker werden ignoriert oder angeschrien. Denn nicht nur, dass die Antworten von SPD und CDU keine echten Antworten enthielten, sie waren oft auch noch rotzfrech. Jetzt sagt der ein oder andere, dass das immer so sei zwischen Regierung und Opposition, aber für mich war es, als ob sie mir direkt ins Gesicht spucken. Denn es war ja die Kritik von mir und anderen vom Gesetz betroffenen Menschen. Hätten die mir also genauso geantwortet?

Und dann wird eine Werbekampagne gefahren, die allen vermitteln soll, dass alles gut wird. Beschäftigt euch nicht damit, lest es euch nicht durch, glaubt einfach diesem Plakat. Zum Glück haben engagierte Leute, wie Raul Krauthausen oder Constantin Grosch, zusammen mit Vereinen wie Mobil mit Behinderung und vielen anderen einen Gegenentwurf gestartet. Dieser Gegenentwurf enthält deutlich mehr Wahrheit.

Politik ist für mich nach wie vor Neuland, aber ich möchte, dass die Regelungen für die Teilhabe behinderter Menschen auch ein gutes Gesetz bekommen. Deswegen bitte ich euch, kommt am 7. November zur Demonstration nach Berlin ans Brandenburger Tor, schreibt euren kommunalen Politikern, euren MdLs und konfrontiert sie mit der Kritik, seid laut und lasst euch nicht verarschen. Auch wenn für den ein oder anderen unter euch Politik auch noch Fremdland ist, hier geht es um etwas, dass schon längst selbstverständlich sein sollte!

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Für mehr Informationen schaut nach Hashtags #nichtmeingesetz #BTHG #Bundesteilhabegesetz

Weitere Kampagnen und Informationen findet ihr unter anderem hier: http://nichtmeingesetz.de

 

/David

 


Living on the Road

Wir sind viel unterwegs, das hat der ein oder andere schon mitbekommen. Nun mussten wir aber in den letzten zwei Jahren immer alles in Lisas kleinen Lupo quetschen oder uns ein Auto ausleihen. Wir sind dadurch auf jeden Fall zu Packprofis geworden und können viel Gepäck ganz gut auf wenig Fläche verteilen. Doch auch wenn unser Rekord im Lupo mit drei Rollstühlen, zusätzlich ein Paar Rädern, zwei Koffern plus Rucksäcke und Taschen manch einem imponiert, wollten wir das so nicht mehr.

Wenn wir zu einer Veranstaltung fahren, wollten wir nicht mehr überlegen was nun wichtiger ist, mehr Schoner und Helme oder lieber weniger, aber dafür noch einen Leihrollstuhl? Selbst mit meinem alten Passat war man da nicht allzu flexibel, zumindest hatten wir nie die Freiheit zu sagen: Macht euch keine Sorgen, wir bringen alles mit! Man musste immer vorher organisieren. Die Rollstühle die dann oft vor Ort standen, waren nicht das Gelbe, nicht mal das Weiße vom Ei und Helme und Schoner waren dann auch nur oft in nicht ausreichender Zahl da.

Bei unserem Roadtrip durch Frankreich, nach Barcelona, Norditalien und der Schweiz, schliefen wir im Passat, mussten aber jeden Abend das ganze Gepäck vorne auf die Sitze stapeln. Auch da mussten wir Tetris spielen, denn wenn erst einmal alles gestapelt war, mussten ja noch unsere Rollis oben auf dem Turm bzw unters Dach!!!

img_7047Aber das alles ist jetzt vorbei! Die Roadtrips? Nein, ab jetzt ist das ganze Leben ein Roadtrip, zumindest fühlt es sich nun so an. Denn wir haben nun einen VW Crafter und uns damit dezent vergrößert… vom Lupo… Und unser erster Roadtrip mit unserem Crafter nach Dänemark und Schweden, dessen Skateparkstationen ihr euch auf Instagram anschauen könnt, hat bewiesen, dass dies nun alles nicht mehr nötig ist. Ok wir müssen nun beim Packen auf andere Sachen achten, denn es ist total blöd, wenn man feststellt, dass das was man braucht ganz hinten im Laderaum ist. Aber zumindest können wir in unser selbstgebautes Hochbett klettern ohne irgendetwas großartig umzuräumen. Wir können nun sechs Rollstühle mitnehmen und noch Ersatzräder und Werkzeug und Schoner und Helme und und und einfach alles!!!

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Diese Freiheit macht uns nicht nur das Leben einfacher, es bringt uns auch so viele neue Möglichkeiten, die wir nutzen wollen. Ob wir demnächst auf Tour gehen oder welche Türen sich damit noch öffnen, werden wir sehen, werdet ihr lesen und wir werden uns dann treffen, irgendwo on the Road!

Cheers

img_2667 Demnächst wird er dann noch weiter verschönert und ausgebaut.  #staytuned
/David

 

 

 

Auf dem Trip nach Dänemark/Schweden, sind wir viele Skateparks angefahren. Hier einige Videos dazu (mehr gibt es auf www.Instagram.com/datlebbe )

Zur Erinnerung an den Passat:


Scheiß Faule Krüppel

Was ist los in diesem paralympischen Sportjahr? Gefühlt wurden die Hälfte aller Sportveranstaltungen wegen zu weniger Anmeldungen abgesagt oder mit nur halber Besetzung durchgezogen. Auch unsere Skateworkshops haben deutlich geringere Teilnehmerzahlen als die Jahre zuvor. Nun könnte man behaupten der Boom sei vorbei, aber es geht ja auch dem Wassersportcamp, Kanu oder anderen Sportarten nicht anders. Dabei sind dieses Jahr doch Paralympics und alle müssten doch im Sportfieber sein…

Was ist los mit den Rollifahrern? Alle kacke faul? Haben alle schon alles ausprobiert? Sieht keiner mehr hin bei der Flut an Facebook Veranstaltungseinladungen?

Böse Zungen könnten jetzt behaupten die Behinderten ziehen sich zurück in ihre dunklen Kammern. Genug von Inklusion und Öffentlichkeit? Nein, ich denke nicht! Vielleicht sind sie auch einfach nur gegen das nicht ausreichende Teilhabegesetz demonstrieren oder anderweitig politisch aktiv. Aber so viel man auch nach Erklärungen suchen mag, es ist traurig, dass so viele tolle Sportveranstaltungen abgesagt werden müssen. Sportveranstaltungen, die mit viel ehrenamtlichen Aufwand und Herzblut geplant und organisiert werden, was dann alles umsonst war.

Ich hätte eigentlich nur einen Wunsch für die nächsten Wochen: Dass die Paralympics wieder das Feuer entfachen, die Sportlerherzen wieder zu schlagen beginnen und die Rollifahrer wieder auf die Sportkurse strömen, ob nun paralympischer Sport oder nicht. Nutzt die Angebote und probiert alles aus – YOLO und so!

In diesem Sinne: Sport frei und viel Spaß bei den Paralympics und eigenen sportlichen Aktivitäten!

nur noch faul am rumliegen...

nur noch faul am rumliegen…

PS: Wer die Überschrift zu derb findet, sollte sich diesen Link nicht anschauen: http://reportage.wdr.de/echtwir#19573

/David


Guter Flughafen Böser Flughafen

Nachdem wir letztens in Düsseldorf ja sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, wollen wir heute mal erzählen, wie es auch sein kann.

Wir sind für zwei Wochen nach Kalifornien geflogen. Dieses mal von Frankfurt und die Unterschiede zu unseren Erlebnissen in Düsseldorf sind enorm. Selbst bevor wir von Flughafenmitarbeitern bedroht wurden, mussten wir in Düsseldorf immer wieder diskutieren, wurden unfreundlich und unangenehm behandelt. In Frankfurt fühlten wir uns bisher jedes mal wohl. Wir fühlen uns in Frankfurt verstanden und akzeptiert und bekommen die Hilfe die wir brauchen von fröhlich-freundlichem Personal.

Bei der Lufthansa in Frankfurt beginnt schon beim Check In die positive Erfahrung. Da es dort einen speziellen Check In Schalter für Familien und Menschen mit Behinderung gibt, sitzen dort Leute, die mit der Thematik vertraut sind. Dies macht vieles einfacher und schneller, insgesamt viel angenehmer in der Abwicklung. Auch unser Sperrgepäck (Ersatzräder, 2. Rollstuhl) wurde von dort abgeholt, unsere Rollstühle für die Lieferung ans Gate markiert.

Danach wurden wir von einem freundlichen Mitarbeiter begleitet, der uns bis zum Gate gebracht hat. Wir hätten das Gate auch alleine gefunden und normalerweise sagen wir auch, dass wir erst am Gate Hilfe benötigen. Woraufhin wir uns ja letztens in Düsseldorf einige blöde Sprüche vom Personal drücken lassen mussten. Da dies aber ein sehr angenehmer und entspannter Zeitgenosse war, unterhielten wir uns auf dem Weg sehr gut und er war einfach nur ein netter Begleiter.

Auch im Flugzeug gab es keine Probleme. Wir durften ohne Diskussion nebeneinander sitzen auf den Sitzen, die wir uns ausgesucht haben. Diese waren möglichst nah an den Toiletten, sodass auch der Klogang problemlos möglich war. Naja zumindest für Lisa waren die paar Schritte machbar. Es gab zwar einen Stuhl an Bord mit dem man mich hätte die paar Meter zur Toilette bringen können, aber ich entschied mich den kurzen Weg auf dem Arsch hin zu robben und aufs Klo zu klettern. Das sorgte zumindest dafür, dass ich gehen konnte wann ich wollte und nicht warten musste, bis jemand von den Flugbegleitern Zeit hat.

In Los Angeles bekamen wir direkt am Gate unsere Rollstühle, so wie es sein soll und sind dann alleine, nachdem wir uns für die Hilfe bedankt und gesagt haben, dass wir von hier aus klar kommen, durch die Sicherheitskontrollen und zum Gepäckband gerollt. In einem barrierefreien Flughafen, in dem man die Aufzüge selbst bedienen kann auch kein Problem. In Düsseldorf braucht man für einige Aufzüge einen Mitarbeiter!

Auch auf der Rückreise lief alles super. Wir sind abends geflogen, mussten den Mietwagen aber schon vormittags abgeben, sodass wir schon 8 Stunden zu früh am Flughafen waren. Wir konnten aber am Check In Schalter für einen früheren Flug unser Gepäck abgeben. Auch in LA wurde alles problemlos angenommen, unser Sperrgepäck abgeholt und wir wurden weder auseinander gesetzt, noch mit irgendwelchem Halbwissen aufgehalten.

Die Wartezeit konnten wir nun ohne Gepäck super nutzen und nahmen den Bus nach Santa Monica um noch einige Zeit dort zu genießen. Als wir wieder am Flughafen waren, ging alles super schnell. Wir kamen locker durch die Sicherheitskontrollen zum Gate und hatten sogar noch genug Zeit vor dem Boarding um in Ruhe auf Klo zu gehen. Doch dann wurden wir ausgerufen zum Gate gebeten. Das Boarding sollte früher beginnen. Aber selbst die kleine Hektik Einlage tat der guten Erfahrung keinen Abbruch, denn auch hier wurden wir nun ganz entspannt auf die Sitze gebracht. Leider waren das dieses mal nicht die, die wir uns ausgesucht hatten.

Doch auf Nachfrage durften wir auf diese Sitze umziehen und hatten nun sogar etwas mehr Beinfreiheit, was einen 10 Stunden Flug um einiges komfortabler macht.

In Frankfurt warteten schon unsere Rollstühle auf uns am Gate und wir bekamen wieder einen super Service, der so ein krasses Gegenteil zu unseren Erfahrungen in Düsseldorf darstellt wir man sich kaum vorstellen kann.

Der Grund für die schnelle Eskalation in Düsseldorf letztens war, dass wir mit dem Satz begrüßt wurden: „Ihre Rollstühle bekommen Sie am Band.“ Kein freundliches Hallo, kein wir schauen mal was wir machen können, kein wir versuchen unser Besten, nein nur ein geht nicht gibts nicht: „Ich arbeite hier schon seit Jahren. Das klappt bei uns nie!“ Ich verlangte meinen Rollstuhl und die einzige, die professionell uns serviceorientiert handelte, war der Ramp Agent, der das Boarding aufhielt und unsere Rollstühle bringen lies. Air Berlin und die Rollstuhlassistenten verneinten die Möglichkeit immer noch als unsere Rollstühle längst da waren.

In Frankfurt nun war das gar kein Problem und auch die Begleitung war hier wieder sehr aufmerksam und nett, sodass wir uns gern von ihnen bis zum Gepäck bringen ließen. Im Gegensatz zu Düsseldorf, wo wir uns blöde Sprüche anhören mussten und froh waren, dass wir die Typen endlich nicht mehr brauchten (nach dem sie uns den Aufzug bedient hatten, für viel mehr brauchten wir sie ja nicht).

In Frankfurt mussten wir die Reise mit dem ICE fortsetzen, was den Vorteil hatte, dass wir unser Gepäck direkt am Bahnhof abholen konnten. Auch der Einstieg in den ICE mit der Deutschen Bahn verlief problemlos.

Nach den Erfahrungen in Düsseldorf, frage ich mich nun, warum Düsseldorf sich nicht ein Beispiel an den Abläufen in Frankfurt nehmen kann. Warum muss die Erfahrung so extrem unterschiedlich ausfallen?

 

/David

© Photographer: Jens Goerlich - © Models: Jens Goerlich - © conditions: worldwide, 5 years, no advertising

© Photographer: Jens Goerlich – © Models: Jens Goerlich – © conditions: worldwide, 5 years, no advertising


Gedanken über…Sprache

Ich bin bei einer Diskussion auf Facebook mal wieder auf meinen Sprachgebrauch aufmerksam gemacht worden. Ich wurde dafür kritisiert, dass ich geistig Behinderte „Geistis“ genannt hab und das ich Blinde als Baustelle bezeichnet habe. Letzteres ist nicht so ganz korrekt, denn Sprache funktioniert ja auch oft nur im Kontext. Ich würde ja keinen Menschen als Baustelle bezeichnen. Viel mehr ging es um Aufgabengebiete, die ich Baustellen genannt habe. So sehe ich es als meine Baustelle u.a. gehbehinderte Menschen zu mobilisieren und zu motivieren, aber für blinde Menschen kann ich da nicht so viel tun, weil ich davon halt keine Ahnung habe und ich es auch nicht als meine Aufgabe sehe oder gar als meine Pflicht.

Nun kann man sich natürlich streiten, ob man bestimmte Bezeichnungen verniedlichen darf. Der eine mag es, der andere nicht und ich sage, es kommt auf den Kontext an und eben wer die Sprache anwendet und wo. Rolli, GehBehs, Spasti, Behindi… in meinem täglichen Sprachgebrauch sind das durchaus Worte, die ich oft und gern gebrauche und wenn sich da jemand von angegriffen fühlt, kann ich nur sagen: Nimm den Stock ausm Arsch! Natürlich würde ich diese Verniedlichungen nicht unbedingt überall als angemessen sehen und dort wo sachliche und fachliche Inhalte geschrieben stehen, wie z.B. in der Presse oder anderen Medien, achte ich sehr darauf, dass eine korrekte und angemessene Ausdrucksweise verwendet wird. Bei Interviews verweise ich auch gern auf Leidmedien.de.

In einem persönlicheren Umfeld nennen „wir uns“ auch gegenseitig Spasti oder Krüppel und wissen, dass das alles andere als böse gemeint ist. Auch hier kommt es wieder auf Kontext, wer, wie, wo und warum an. Generell muss ich aber dennoch sagen, dass ich nicht jeden berichtigen muss und mich auch nicht sofort bei jedem Scheiß beleidigt fühlen muss – schon gar nicht bei einer Verniedlichung. Ich mach mich auch gern lustig darüber, wenn der Busfahrer mal wieder fragt, wo denn die Rollstühle raus wollen, aber mehr als einen blöden Spruch gibt es dann auch nicht. Natürlich will der Mensch auch mit aussteigen in aller Regel, aber durch den Kontext ist das zum Glück relativ klar. Bei dem Spruch „…an den Rollstuhl gefesselt…“ bekommt derjenige auch einfach einen blöden Spruch gedrückt, nur selten belehre ich hier immer sofort, außer es ist ein Journalist oder andere, die mit Worten arbeiten und ein öffentliches Bild formen können/sollen. Oder ich habe viel Zeit, dann erkläre ich natürlich auch gern was daran blöd ist und warum man es anders ausdrücken sollte.

Auch der behinderte Mensch, im allgemeinen oft Behinderter genannt, ist eine Ausdrucksweise, die für mich in offizielle Schreiben / Reden gehört. Aber in der Umgangssprache finde ich es nicht schlimm jemanden einfach behindert oder Behinderten zu nennen. Auch hier gilt wieder, wenn ich viel Zeit habe oder mein Gegenüber jemand ist, der das verstehen sollte, erkläre ich mich oder verweise auf Leidmedien.de.

Wenn wir bei jedem Scheiß immer gleich auf Political Correctness pochen, wenn wir bei jedem kleinen Fehler immer berichtigen, erreichen wir die Leute noch viel weniger, weil sie einfach nur genervt sind und wir bauen Ängste auf, die wir eigentlich abbauen wollen. Wenn Leute schon Angst haben mit uns zu sprechen, weil sie Angst haben in Fettnäppfchen zu treten „oh darf ich überhaupt treten sagen?“, dann erreichen wir oft das Gegenteil von dem was wir eigentlich erreichen wollen. Denn Begegnungen und unkompliziertes, einfach normales Miteinander, inklusiv und bunt, das sehe ich sehr wohl als meine Baustelle. Dazu müssen wir aber auch ein unkompliziertes miteinander ermöglichen und dürfen das nicht unnötig erschweren, nur weil wir immer gleich auf politisch Korrekte Ausdrucksweise bestehen. Das ist nicht mein Bier!

Oh du trinkst gar kein Alkohol? War das jetzt unangemessen? Es gibt halt gewisse Floskeln im Sprachgebrauch, die erst nach und nach verschwinden, mal wieder auftauchen und auch wieder verschwinden. Natürlich kann und muss man das ein bisschen steuern, aber man sollte da nicht ein Sprach oder Behindertennazi werden und alle gleich verurteilen und unter Generalverdacht stellen, nur weil die dich „an den Rolli gefesselt“ genannt haben. Ich mag auch einen alten Spitznamen von mir nicht so ganz weil der so niedlich klang: „Busi“ haben mich die Mädels oft genannt, einige tun es immer noch. Dennoch mach ich die nicht blöde an und sage: „Das heißt Lebbe!“

/David

PS: Mit Spastiklatschen meinen wir z.B. das klatschen bei großer Freude von Leuten mit CP und keine gewaltverherrlichenden Aktionen!

blablabla