Archiv der Kategorie: Fachliches & Sachliches

Teilhabe! Jeder! Überall!

Warum fühle ich mich eigentlich auf Reisen immer so viel uneingeschränkter? Klar, man ist im Urlaub, das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner, man hat nicht so viel Alltagserldigungen zu tun, muss nicht an so vieles denken.

Spontan mit dem Zug verreisen  - ohne  Diskussionen! Foto: Anna Spindelndreier

Spontan mit dem Zug verreisen – ohne Diskussionen! Foto: Anna Spindelndreier

Kann man das aber wirklich immer so einfach abtun? Kann es nicht viel mehr daran liegen, dass bspw. die USA seit einem Vierteljahrhundert ein Teilhabegesetz haben? Dass man dadurch vielerorts, sogar an den meisten Orten nicht vorher überlegen muss, ob man in ein Café oder Restaurant reinkommt oder ob man dort auf Klo kommt – wenn man mal muss. Kann das nicht sein, dass auch das spontane und einfache Bahn fahren da was zu tut? Und das man nicht mit dem Busfahrer diskutieren muss um mitgenommen zu werden? Auch andere Länder scheinen uns da schon einiges voraus zu sein.

Die USA hat mit ADA nun schon seit 25 Jahren ein Teilhabegesetz und somit eine gesetzliche Verankerung, dass Menschen nicht aufgrund Ihrer Behinderung ausgeschlossen oder diskriminiert werden dürfen. Das wirkt sich dann zum Beispiel darauf auf, dass Barrierefreiheit vorangetrieben wird, weil nun die eine Stufe vor der Tür keine Ausrede mehr ist. Denn eine Rampe ist für jeden machbar. Das ist aber nur ein sehr niederschwelliges Beispiel. Das Gesetz wird für noch so viel mehr gebraucht. Eine Gesetztesgrundlage, für alle Rechte, die in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen festgehalten sind.

Für Menschen mit Assistenzbedarf muss die Möglichkeit bestehen Geld zu sparen, für Menschen mit einer Gehbehinderung, eingeschränkter Mobilität u.ä. muss Barrierefreiheit gefördert und gefordert werden, für alle Menschen mit Behinderung muss es möglich sein am kulturellen, sportlichen, allgemein gesellschaftlichem Leben zugänglich sein und zwar überall, für jeden und immer!

Nun hat Deutschland bisher nicht nachgezogen und das obwohl wir doch in Sachen Gesundheit und Hilfsmittelversorgung Weltspitze sind, ja trotz aller Streitereien mit den Krankenkassen sind wir da weit vorn. Doch was bringt uns das, wenn wir an dem eigentlichen gesellschaftlichen Leben nur erschwert teilnehmen können, bzw. einige komplett ausgeschlossen werden?

Dass Deutschland mit dem Bundesteilhabegesetz noch nicht nachgezogen hat, ist mittlerweile doppelt und dreifach bedenklich. Zum einen hat Deutschland die UN Behindertenrechtskonvention ratifiziert und ist somit verpflichtet diese in geltendes Recht umzuwandeln, zum anderen sind die Entwürfe dafür mehr als am Ziel vorbei und es sieht so aus, als ob es entweder noch ewig dauert oder wir von den Politikern verarscht werden.

Helft mit und fordert die Politik auf endlich zu handeln! Schreibt euren zuständigen Politikern, dass ihr mit der Situation nich zufrieden seid! Beschwert euch! Seid laut!

Unterschreibt die Petition bitte wenn noch nicht gemacht: kampagne.teilhabegesetz.org

Den zuständigen Politiker für euer Gebiet bekommt ihr hier raus: www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/wahlkreise

Wenn ihr nicht wisst was ihr schreiben sollt, hier eine Formulierungshilfe:  http://nitsa-ev.de/wp-content/uploads/2016/02/2016_02_22_Brief_an_MdB_Entwurf_BTHG.pdf

Hier noch ein sehr guter Beitrag von Raul Krauthausen bei jung&naiv:

Weitere Links zu dem Thema:

Behindertenrechtskonvention – erklärt von Aktion Mensch
Behindertenrechtskonvention – ganz trocken
teilhabegesetz.org
kobinet-nachrichten.org
MMiB e.V.

/David

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Selbst oder nicht Selbst ist hier die Frage!

Nach meinem Unfall wollte ich nichts mehr, als wieder selbstständig leben zu können, aktiv zu sein und mich bewegen. Das war mein größter Wunsch und ich war hoch motiviert das zu schaffen. Ich hab es geschafft und das obwohl ich auch schnell gelernt hab, dass man sich manchmal unter Wert verkaufen muss.

Aber warum muss man das? Sollte es nicht anders sein? Die Krankenkassen haben Bonusprogramme in denen ihre Versicherten motiviert werden sollen Sport zu treiben und gesund zu leben. Sie werden dann mit tollen Sachen gelockt, von Zusatzleistungen bis hin zu teuren neuen Smartphone Uhren. Aber als behinderter Versicherter ist es anders. Die meisten Bonusprogramme, wenn nicht sogar alle, kommen für mich nicht in Frage, sind einfach nicht anwendbar, obwohl ich sportlich bin und meinen Lebensstil deutlich geändert habe. Ich lebe gesünder und bin aktiver, ich gehe arbeiten und zahle in das System ein. Doch statt mehr Leistung bekomme ich weniger, weil ich zu aktiv bin, zu mobil, zu selbstständig.

Als Behinderter oder Pflegebedürftiger bekommt man oft den Tip, man solle sich zurückhalten, nicht alles zeigen was man kann. Dann wird man schlechter eingeschätzt und der Ausgleich der Behinderung ist damit größer. Man bekommt mehr Pflegegeld oder ein tolles Hilfsmittel. Aber wehe man ist zu aktiv, zu selbstständig und zu mobil – und dann auch noch ehrlich. Dann hat man verloren. Das Hilfsmittel bekommt man nicht um noch aktiver zu sein, um noch selbstständiger zu sein und anstatt Pflegegeld werden einem auch noch die Handschuhe gestrichen. Denn wenn man keine Pflege nötig hat, braucht man die ja nicht. Ja ich rede von verdammten Gummihandschuhen, die ich brauche um meine (sorry) täglichen Geschäfte zu erledigen. Jeder der weiß, was kathetern, peristeen, ausräumen und ähnliches ist, weiß auch, dass man dazu gewisse Hilfsmittel braucht. Katheter, klar, aber eben auch Desinfektionsmittel und Handschuhe, aber beides bekommt man oft nicht, bzw. nur wenn man eine Pflegestufe hat.

Ich kann den Gedanken nicht nachvollziehen. Nur weil ich es selber kann, brauche ich es nicht? Oder gehen die vielleicht davon aus, dass wenn man sowas braucht, man das halt auch nicht selbstständig kann? Also bin ich wegen ein paar Gummihandschuhen dazu angehalten meine Pflegebedürftigkeit zu erhalten. Ich muss nachweisen, dass ich eine bestimmte Zeit täglich Hilfe für Körperpflege, anziehen und Hauswirtschaft brauche. Am Ende bekomme ich jeden Monat ein Pflegegeld, ein paar Handschuhe und Desinfektionsmittel. Irgendwie hirnrissig. Da wollen die Kassen immer sparen, aber anstatt mir ein paar Handschuhe zu bezahlen, geben die mir lieber noch 230 € oben drauf!?

Ja ich weiß, dass ich hier mein Pflegegeld riskiere, weil nun vielleicht jemand auf die Idee kommt zu prüfen, ob das was ich hier tippe wirklich so ist. Aber soll es deswegen so weiter gehen? Warum kann sich das System nicht ändern? Man wird ja regelrecht gezwungen zu lügen. Und wenn man nicht lügen will, dann lässt man es halt einfach bleiben mit dem selbstständig und aktiv leben. Ist das vielleicht die Lösung? Wollen die gar nicht das ich selbstständig lebe und arbeite?

Warum kann man nicht auch hier Anreize für ein selbstständiges und aktives, sowie gesundes Leben schaffen? Warum kann man das nicht auch für behinderte und pflegebedürftige machen? Es könnte doch auch mal ein Zuschuss zu einem Hilfsmittel geben, dass den Versicherten in seiner Aktivität fördert.

Ein Beispiel: Ich bekomme kein Handbike, also ein Fahrrad, was ich vor meinen Rollstuhl spannen kann, weil ich zu mobil bin. In der Ablehnung heißt es, dass ich mit meinem Rollstuhl alle Orte des täglichen Lebens erreichen kann und zu mehr sei die Krankenkasse nicht verpflichtet. Ok, ich finde auch, dass die Krankenkasse nicht alles bezahlen muss. Aber da ich mir das vielleicht selbst nicht leisten kann, muss ich jetzt abbauen und beweisen, dass ich nicht mobil bin? Warum kann die Krankenkasse nicht sagen: „Toll, dass sie so selbstständig sind und an der Gesellschaft teilhaben. Toll, dass sie arbeiten und ihren Anteil leisten. Wir wollen ihnen einen Bonus geben, wenn sie sich ein Handbike beschaffen.“ Vielleicht muss die Krankenkasse das dann gar nicht komplett bezahlen und vielleicht ist das auch ein doofes und egoistisches Beispiel, aber was ich sagen will: Warum kann die Krankenkasse behinderte Menschen nicht genauso motivieren, wie ihre nichtbehinderten Versicherten auch? Es kann mir jetzt keiner erzählen, dass eine Apfel Uhr die Mobilität eines Fußgängers im Sinne der gesetzlichen Krankenversicherung verbessert oder irgendwie therapeutische Maßnahmen erfüllt.

Bonusprogramme oder Abstellgleis?

Bonusprogramm oder Abstellgleis?

Ich finde es gut, wenn die Krankenkasse ihre Versicherten motiviert mehr Sport zu treiben und auf ihre Gesundheit zu achten. Ich finde es auch ok, wenn dafür ein gewisser Anreiz geschaffen wird. Ich finde es aber schade, dass ich bei behinderten oft das Gegenteil sehe. Ein weiterer Gedanke ist folgender. Ein Rollstuhlfahrer, der für sein tägliches Leben auf einen Aktivrollstuhl angewiesen ist, muss in den Gebrauch des Hilfsmittels geschult werden. Dafür geben geübte Rollstuhlfahrer und Übungsleiter Mobilitätstrainingskurse, diese müssen von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt werden. Aber in der Praxis werden diese oft nicht bezahlt oder nur ein kleiner Teil. Dabei sind diese Kurse extrem wichtig für die Selbstständigkeit und die Teilhabe. Aber anstatt zu motivieren, solche Kurse zu besuchen, freut man sich, wenn die Kosten eingespart werden können.


„Pipi machen muss man, kann man nix dafür“

Seit meinem Unfall bin ich darauf angewiesen, meine Blase manuell zu entleeren, damit sie es nicht tut, wenn ich es grad nicht gebrauchen kann.

Ich nahm es nicht immer mit Humor. Ich hatte anfangs in der Reha große Probleme mit der Umstellung, dennoch wurde mir gesagt, dass ich einer derjenigen war, die am schnellsten gelernt haben, das Kathetern mit Einmalkathetern selbstständig durchzuführen. Mir wurde übel, schwindelig und ich konnte einfach nicht hinsehen, wenn mich die Schwestern katheterisiert haben. Dennoch war mein Ziel in der Reha schnell gefasst: Ich wollte selbstständig sein, keine Hilfe benötigen. Schon gar nicht für so einfache Dinge wie auf Klo gehen. Ich konnte mich überwinden und nur so schaffte ich es, schnell wieder ein selbstständiges Leben führen.

Ich probierte auch mehrere Produkte aus, um das Optimum zu finden und das war gar nicht so einfach. Ich habe mit vielen Kathetern das Problem, dass ich nicht in die Blase komme. Ich muss stochern und manchmal mehrere Katheter verwenden. Blutungen und hoher Verbrauch waren die Folge. Ich probierte weiter und fand mein Produkt mit dem ich ohne Probleme klar komme und vor allem ohne Blut. Mir ist dadurch aber klar geworden, dass man hier nicht auf den Preis gucken kann, sondern man muss individuell schauen was für einen selbst funktioniert. Ich probierte im Laufe der Jahre immer mal wieder andere Produkte aus. Doch die Probleme waren immer noch die selben und ich blieb bei meiner Wahl. Eine Umstellung wäre einfach nicht möglich.

Zusätzlich zu den Einmalkathetern nutze ich Urinalkondome und Beinbeutel. Da ich eine schlaffe Blase habe, entleert sich diese gern mal ungewollt bei Beanspruchung meiner Bauchmuskulatur. Also beim Sport, beim Husten, Niesen, ja sogar beim Lachen. Keiner will sich bei einem guten Witz in die Hose machen. Das sollte jedem klar sein. Ich habe über die Jahre ein funktionierendes System für mich gefunden. Ich kathetere 4-8 mal am Tag. Die Schwankungen sind normal, denn ich trinke nicht jeden Tag Bier, nicht jeden Tag Kaffee, auch schwitze ich nicht jeden Tag gleich viel und trinke nicht die selbe Menge Wasser. Nachdem ich meine Blase entleert habe, ziehe ich ein Urinalkondom über und verbinde es mit dem Beinbeutel. So kann ich mir sicher sein, dass ich weiter mein aktives Leben führen kann, ohne ständig Angst haben zu müssen, dass sich gleich ein dunkler Fleck im Schritt meiner Jeans befindet und den ganzen Plan des Tages ändert. Ich brauche mit dieser Nutzung also immer genau so viele Urinalkondome wie Katheter. Eine erneute Nutzung des Kondoms ist nicht möglich, den Katheter durch das Kondom zu führen wäre unhygienisch. Das alles wurde mir aber schon vorgeschlagen.

Die Krankenkasse zahlte das anstandslos ein paar Jahre, doch dann fingen sie immer wieder an zu kürzen. Einfach so ohne Rücksprache zu halten. Ich konnte mich dann immer wieder dagegen wehren und bekam wieder die gewohnte Menge. Ich frage die Sachbearbeiter ob sie wissen, wie oft sie pinkeln müssen im Monat. Keiner konnte mir das beantworten und ich sagte: „Sehen sie, aber ich muss es wissen, weil sie mir eine Menge vorschreiben. Das ist unmenschlich und nicht machbar!“ Nachdem die Krankenkasse dies mehrfach versuchte indem sie meinem Versorger einfach die bezahlte Menge kürzte und weder die Kasse, noch der Versorger der Meinung waren mir das mitzuteilen, wechselte ich als erstes den Versorger. Ich hatte danach einen, der sich für mich einsetzte und der Krankenkasse nicht alles durchgingen ließ. Aber die Krankenkasse machte weiter und so wechselte ich auch diese, weil ich hörte, dass meine jetzige Krankenkasse eine 99 Jahre Garantie über die bewilligte Menge vergibt. War aber offenbar nur ein Marketinggag, denn es dauerte nur anderthalb Jahre bis auch meine jetzige Krankenkasse damit anfing. Sie hat es erst mal nur auf die Urinalkondome abgesehen und garantieren mir, wenn mir ein Facharzt den Mehrbedarf bestätigt, auch die Genehmigung der restlichen Menge. So weit so gut, aber nun ist meine Gesundheit und meine Teilhabe davon abhängig, dass ich zum einen schnell einen Termin bekomme und der Arzt kompetent genug ist zu verstehen was ich brauche. Diese beiden Punkte hatte ich bei meinem Neurourologen zum Glück erfüllt. Nun dauert es aber seine Zeit bis dieses Schreiben geschrieben und verschickt ist, bis es bei der Krankenkasse bearbeitet wird und bis ich dann meine benötigte und verordnete(!) Menge an Urinalkondomen bekomme! Bis dahin sitze ich auf dem Trockenen oder besser gesagt im nassen, wenn ich Pech habe!

Diese Informationen sind natürlich durchaus persönlich und privat, aber wenn wir diese Erfahrungen nicht teilen, wird die Versorgung schlechter, einige werden ihr Potential nie ausschöpfen können und einige werden nie wissen, dass es Möglichkeiten gibt, wie auch sie ein Leben ohne diese Probleme führen können.

/David

Foto: FotoHiero / pixelio.de

Foto: FotoHiero / pixelio.de


Die Wichtigkeit des gekonnten Rollens

Oft werde ich gefragt, wie ich das Rollstuhlfahren gelernt hab. Natürlich habe ich mir mittlerweile vieles beim skaten angeeignet, aber die Grundlage dazu hat ein ausgiebiges und umfangreiches Rollstuhl-, Mobiliäts- und Transfertraining gebildet. In meinem Fall war das während der Reha nach meinem Unfall und da hatte ich offenbar echt Glück.
Kippeltraining auf der Matte - Foto: RBG Dortmund 51

Kippeltraining auf der Matte – Foto: RBG Dortmund 51

Es gibt so viele Menschen die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, aber kein Rollstuhl- und Mobilitätstraining hatten. Oftmals weil das in der Reha vernachlässigt oder nicht ausgiebig genug gemacht wurde. Sehr oft auch, weil derjenige selbst in der Reha noch keine Akzeptanz für sein neues Gefährt entwickelt hat, um motiviert genug an diesem Training teilzunehmen und für sich im Alltag umzusetzen. Aber meistens, und das ist das traurige, sind es Menschen, die entweder schleichend zum Rollstuhl gekommen sind, also lange noch zu Fuß oder mir anderen Hilfsmitteln unterwegs waren, oder die seit der Kindheit einen Rollstuhl nutzen und nicht ausreichend genug in der Nutzung ihres Rollstuhls geschult worden sind.

Auch für Kinder ist ein Training sinnvoll - Foto: RBG Dortmund 51

Auch für Kinder ist ein Training sinnvoll – Foto: RBG Dortmund 51

Bei Kindern wird oft gesagt, sie seien noch zu jung und später wird das dann aber verschleppt bis es dann oft zu spät ist. Denn gerade für Kinder sollte man so ein Training frühzeitig ansetzen, damit sie ihre Mobilität voll ausnutzen können, denn nur so werden sie alle Möglichkeiten haben sich physisch wie psychisch optimal zu entwickeln. Man kann so ein Training ja auch altersgerecht gestalten, so dass auch Kinder frühzeitig und spielerisch den Umgang mit dm Rollstuhl lernen und später nach Stand der Entwicklung dann das Training auffrischen und fortsetzen. Nur so werden diese Kinder auch die Chance auf ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben haben. So ein Training wird u.a. von den Rollikids, der Kinder- und Jugendabteilung des DRS, angeboten. Dort gibt es ein ganzheitliches Konzept zur Schulung der Mobilität mit dem Rollstuhl. In 5 Tagen können dort von Fahrtechniken, über Transfertechniken, Alltagssituationen und vieles mehr trainiert werden, zusammen mit erfahrenen Rollstuhlfahrern und anderen Übungsleitern.

Aber auch für Erwachsene ist es immens wichtig. Egal ob der Rollstuhl als Folge eines Unfalls, einer Krankheit oder als Entscheidung aufgrund der eigenen Mobilitätssituation daher kommt. Bei einer Versorgung mit einem Aktivrollstuhl muss auch dringend ein ausführliches Mobilitätstraining erfolgen. Für Erwachsene gibt es neben dem DRS auch viele andere Anbieter, wie z.B. die Manfred-Sauer-Stiftung, oder regionale Behindertensportvereine.
Mobilitätstraining gemeinsam mit der DSW21 - Foto: RBG Dortmund 51

Mobilitätstraining gemeinsam mit der DSW21 – Foto: RBG Dortmund 51

In Dortmund machen wir, zusammen mit der RBG Dortmund 51, die Roll On Workshops, welche an verschiedenen Wochenenden verschiedene Themen nach eigenem Leistungsniveau anbieten. Dort kann dann zum Beispiel das Fahren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geübt werden oder an einem anderen Wochenende die Grundfahrtechniken, inklusive Kippeln und Kanten fahren. Mit einem starken Team von Übungsleitern, teilweise selbst Rollstuhlfahrer, und Partnern, wie die DSW 21 Verkehrsbetriebe, kann man so mit mehren Terminen im Jahr ein ausführliches Training gewährleisten.

Mit einem umfangreichen Training werden viele Barrieren überwindbar - Foto: RBG Dortmund 51

Mit einem umfangreichen Training werden viele Barrieren überwindbar – Foto: RBG Dortmund 51

Da die Schulung im Umgang mit dem Hilfsmittel bei einer Neuversorgung fest verankert ist, sollten eigentlich auch die Krankenkassen so ein Training bezahlen. Nicht jedes Rollstuhltraining kann mit der Kasse abrechnen, aber die vom DRS und den Rollikids angebotenen sollten in jedem Fall von der Kasse bezahlt werden können. Leider berufen sich die Krankenkassen darauf, dass die Schulung bei der Auslieferung des Hilfsmittels zu erfolgen hat und verkennen dabei, dass dies gar nicht machbar ist. Kein Sanitätshaus der Welt kann innerhalb weniger Stunden alle wichtigen Fahrtechniken vermitteln. Wer mehr über die Kostenübernahme von den Krankenkassen wissen will, kann sich den Artikel aus der Sport+Mobilitäthier anschauen.

EDIT: Patrick Moser hat in den Kommentaren eine sehr richtige und wichtige Ergänzung gebracht. Natürlich steht so ein Mobilitätskurs nicht nur aktive Fahrer zu. Ich möchte aber gar nicht so viel in eigen Worte packen, da Patrick dies wunderbar formuliert hat:

„…guter Blogeintrag, allerdings finde ich die Beschränkung auf Aktivrollstühle sehr schade. Das Suggeriert, dass man ein Mobilitätstraining nur braucht, sofern man einen Aktivrollstuhl nutzt. Ich finde jeder unabhängig vom Rollstuhltyp sollte ein Mobilitätstraining erhalten, damit jeder sein Mobilitätspotential voll ausschöpfen kann. Und auch das Gesetz beschränkt sich bei der Notwendigkeit einer Ausbildung im Gebrauch nicht auf Aktivrollstühle. Die wenigsten Rollinutzer fahren (leider) Aktiv- bzw. Adaptivrollstühle. An den Leitern solcher Kursangebote sollte es dann liegen, im Rahmen der Trainings auf die unterschiede zwischen den Rollstuhltypen hinzuweisen, mittels Demostühlen diese erspührbar zu machen und dann falls bedingt durch das Mobilitätspotential oder dessen Entwicklung notwendig, eine entsprechende Umversorgung mit einzuleiten.“

Vielen Dank Patrick. Ich denke es muss da einfach noch einiges passieren, damit wir auch für alle ein geeignetes Training anbieten können und so jedem helfen können, die für ihn bestmögliche Mobilität und Selbstständigkeit zu erreichen.


Flitzen im Sitzen

Foto: DRS/Wittmershaus

Oskar hat Riesenspaß beim Rampen runter rasen – Foto: DRS/Wittmershaus

Kinder wollen toben, sie wollen spielen, flitzen und die Welt erkunden. Alles was sie dazu benötigen ist Neugier, die haben sie von Natur aus und Mobilität, die haben nicht alle von Natur aus. Zum Glück kennen wir heute aber genug Möglichkeiten ihnen diese (wieder) zu geben. Dazu müssen sich allerdings einige erst mal von dem Gedanken verabschieden, dass Laufen die Mobilität schlechthin ist. Für viele, denen das Laufen nicht so einfach fällt, gibt es effizientere Methoden. Babys krabbeln ja auch weil es für sie die beste Methode ist, um die Welt zu erkunden und ihre Neugier zu befriedigen. Die Meisten von ihnen lernen dann laufen, aber einige werden es nie lernen oder immer nur unter erschwerten Bedingungen. Egal ob es nun Spina Bifida, Cerebralparese, ein Querschnitt oder ein anderer Grund ist, wenn laufen nur unter extremen Anstrengungen möglich ist, dann ist ein Rollstuhl oft die effizientere Methode der Fortbewegung. Das hilft den Kindern in ihrer Mobilität, Neugier und damit auch ihrer kognitiven und sozialen Entwicklung.

Sören rollt - Foto: Uli Gasper

Sören rollt – Foto: Uli Gasper

Heute gibt es zum Glück schon viele, die sich mit der Rollstuhlversorgung von Kindern richtig gut auskennen. Leider treffe ich bei meinem Arbeitgeber, dem Kindersanitätshaus 4ma3ma, immer noch zu oft auf Kinder, die richtig schlecht versorgt wurden. Oft ist der Rollstuhl hier eher ein „Schiebestuhl“, anstatt dass die Möglichkeit genutzt wird, ihnen mit einer angepassten, aktiven Rollstuhlversorgung Aktivität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Wie oft höre ich, dass Kind ist kein Selbstfahrer und wenn es dann aber eine Weile in einem gut angepassten Aktivrollstuhl von uns sitzt, staunen nicht nur die Eltern. Das Kind muss natürlich erst die neuen Möglichkeiten entdecken und ausprobieren. Bei manchen dauert dies nur wenige Minuten, bei anderen Wochen. Wenn man ihnen aber diese Möglichkeiten vorenthält, werden sie diese Chance gar nicht nutzen können.

Es gibt heute nicht nur gute Literatur zu dem Thema (Das Buch: Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen z.B.), sondern auch extrem viele Beispiele von Rollstuhlfahrern, die schon früh einen Rollstuhl bekommen haben und somit ein aktives, selbstständiges Leben von Anfang an hatten, wie Paralympic Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber oder der kleine Internetstar Abel Rose. Aber auch die vielen anderen Rollikids zeigen bei meinen Workshops, bei anderen Sportveranstaltungen und (viel wichtiger) im täglichen Leben wie viel mehr eine gute Mobilität wert ist, im Vergleich zum (mehr oder weniger) aufrechten Gang.

Sören rollt - Foto: RBG Dortmund 51

Sören rollt und rollt – Foto: RBG Dortmund 51

Kinder wollen flitzen und wir können ihnen die Möglichkeit geben. Viele werden mit Rädern viel schneller unterwegs sein als zu Fuß und dennoch werden sie das Laufen nicht verlernen, wenn sie es denn können. Im Gegenteil, denn wenn wir ihnen eine kraftsparende Alternative geben, können sie ihre Kräfte viel besser einteilen und so das Laufen dort anwenden, wo sie es wirklich gebrauchen können. Wenn sie sich schon bis dahin gequält haben, scheitern sie dort vielleicht trotz der vielen Praxisübung.

Lisa ist ein gutes Beispiel, dass man sein Leben natürlich auch selbstbestimmt und aktiv auf Krücken bestreiten kann, aber selbst sie würde den Rollstuhl heute nicht mehr eintauschen und hätte rückblickend gern eher diese Mobilität genossen, aber was sie über Laufen so denkt, könnt ihr bei Kein Widerspruch lesen.

Übrigens habe auch ich schon ein Text auf Kein Widerspruch veröffentlicht. In diesem schreibe ich übers Skaten, aber auch wie Kinder unsere Welt verändern können, wenn wir sie flitzen lassen – auch im sitzen 😉

/David

 

Weitere Links zu dem Thema:

Fiduz, Ausgabe 33, auch da habe ich einen Text veröffentlicht http://www.fiduz-infoblatt.de/publikationen.htm , den ihr auch hier lesen könnt

Rollikids http://www.rollikids.de/ die Kinder und Jugensabteilung des DRS, wenn es darum geht Kinder und Jugendliche mobil und fit mit dem Rolli zu machen

Rollstuhl- und Mobilitätstraining für Kinder und Jugendliche gibt es bei den Rollikids http://www.rollikids.de/ und der ASBH http://www.asbh.de/termine/rollstuhltraining.html sowie bei einigen lokalen und regionalen Sportvereinein und Initiativen (mit mir u.a. noch bei der RBG Dortmund 51, siehe unter Termine)

Kindersanitätshaus 4ma3ma in Dortmund http://www.4ma3ma.de/

Sören ro... ähm rollt nicht!?  - Foto: Uli Gasper

Sören ro… ähm rollt mal nicht!? – Foto: Uli Gasper

 


Sich vom Boden lösen – Wenn Räder den Boden verlassen

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich einen Artikel für das Magazin fiduz von der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern. Das Leitthema war „Sich finden – sich lösen, verbunden sein – sich trennen“ zu finden im Heft no. 33, 17. Jahrgang 1/2014; ISSN  1619-2958 ; www.fiduz-infoblatt.de

Ich in einem wissenschaftlichen, medizinischen, erziehungsfragenbeantwortendem Magazin? Ja! Und ungeändert nun hier für euch:

Mein Leben erfuhr einen großen Umbruch, als ich vor ein paar Jahren im Krankenhaus aufwachte und mir der Arzt mitteilte, dass ich querschnittgelähmt bleiben werde. Ich wusste nicht wirklich was das bedeutete und so nahm ich an, dass es nichts schlimmeres geben könne.

Aber zum Glück wurden mir schnell die Möglichkeiten aufgezeigt. Nach einigen Rollstuhltrainingsstunden und Sporttherapien wusste ich, es geht eine Menge! Schnell lernte ich den Rollstuhl zu beherrschen und ich merkte, dass meine Selbstständigkeit und meine Freiheit damit unmittelbar zusammenhängt. Denn je mehr ich lernte, desto weniger brauchte ich Hilfe, desto seltener musste ich umkehren, weil eine Barriere im Weg war. Dieser Ansporn brachte mich dann auch in den Skatepark, denn hier fand ich eine Spielwiese für meine Räder. Hier konnte ich meine Grenzen kennen lernen und kontinuierlich verschieben.

Ich fand Spaß daran die unüberwindbar zumutenden Schrägen und Rampen zu fahren. Nicht nur das Adrenalin tat seines dazu, vor allem die Erfolgserlebnisse geben einem immer wieder Motivation. Dazu kommt, dass ich im Alltag immer weniger Barrieren vorfand, die mich wirklich aufhielten. Irgendwann entschied ich mich das auch mit anderen zu teilen. Zuerst mit Videos über YouTube, doch nach meiner USA Reise wollte ich es direkt an andere weiter geben.

In den USA nahm ich an einem Event mit dem Namen „They will skate again“ von der Organisation Life Rolls On teil. Hier wurde Kindern, Jugendlichen und Junggebliebenen Rollstuhlfahrern von Skateprofis das Fahren im Skatepark gezeigt. Danach gab es einen Contest, die WCMX (WheelchairMX) Weltmeisterschaft. Ich wurde Dritter, was ein unglaublich gutes Ergebnis war. Was mich aber noch mehr beeindruckte, war die Erfahrung mit Gleichgesinnten im Skatepark zu fahren. Natürlich fahre ich auch gern mit meinen Nichtbehinderten Freunden, welche auf Skateboards oder BMX unterwegs sind, aber hier lernte ich an zwei Tagen mehr, als in den zwei Jahren zuvor.

Ich wollte so etwas auch in Deutschland veranstalten und nahm die Idee mit über den großen Teich. Zurück in Deutschland fand die Idee durchaus schnell Anklang, aber vieles sprach gegen mein Anliegen. Denn wie sind Rollstuhlfahrer versichert wenn sie sich etwas tun im Skatepark? Viele hatten Angst davor, dass etwas passiert wofür sie haftbar gemacht werden können, aber auch davor, dass alte Stereotypen überholt werden müssen. Ich gab nicht auf und fand bald mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband einen Partner, der mich unterstützen sollte.

Wir veranstalten nun Workshops und Schnupperkurse für Rollstuhlfahrer in ganz Deutschland. Das Interesse ist groß und das Feedback durchweg positiv. Eltern bedanken sich, weil ihre Kinder diese Erfahrung sehr gut annehmen. Viele kommen wieder und einige finden hier sogar einen Sport, den man unabhängig von den wenigen Rollstuhlsportvereinen ausüben kann. Die Erfahrung, egal ob einmalig oder wiederholt, gibt den Kindern und Jugendlichen eine Menge – in vielerlei Hinsicht.

Zum einen ist die eigene Wertschätzung gestärkt, aber auch die Motivation den Rollstuhl noch besser zu beherrschen, sowie im Alltag selbständiger zu werden. Die Aktivität wird somit im hohen Maß gefördert und der Weg für ein selbstbestimmtes Leben bereitet.

Eltern, die sich Sorgen machen, ob das zu gefährlich sei, sollten sich unbedingt vor Augen halten, dass ein behindertes Kind die selben Entscheidungen treffen kann, wie ein nicht behindertes. Denn gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt an dem die Inklusion an Schulen Einzug hält, sollte es möglich sein, mit seinen Schulfreunden die gleichen Hobbys zu teilen und das kann eben auch das skaten sein. /David

Foto: Andi Weiland

Foto: Andi Weiland

Foto: DRS/Wittmershaus

Foto: DRS/Wittmershaus