Schwaches Barrierefreiheit STÄRKUNGs(?) Gesetz

Schon in den nächsten Tagen wird im Bundestag über ein Gesetz abgestimmt, dem ich rein nach dem Namen ja sofort zustimmen würde … aber Momentchen mal, an welcher Stelle des Gesetzes wird hier eigentlich die versprochene physische Barrierefreiheit geregelt? Nirgends? WTF!!!

Ein weißer Rollsuhlfahrer steht oben an einer Treppen und reicht die Hand zu der weißen Rollstuhlfahrerin die unten versucht die Stufe hoch zu kommen.
„Barrieren Symbolbild“ © Anna Spindelndreier

Dies war nun genug Anlass für mich, um mich fast das gesamte lange Wochenende über Himmelfahrt mich einzulesen in Berichte, Stellungnahmen und Entwürfe, Abgeordneten zu schreiben und Diskussionen auf Social Media anzuregen. Hier möchte ich nun mal niederschreiben, was ich dabei selbst so alles gelernt, gedacht und geschrieben habe. Vielleicht antwortet ja auch eine:r der Abgeordneten derweil.

© Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Eigentlich fing alles schon 2016 an. Damals gab es Proteste zum Bundesteilhabegesetz (gibt es hier auch zwei Blogbeiträge von uns dazu), ausgelöst von einem Gesetz, dass kurz vorher beschlossen wurde. Dem Behindertengleichstellungsgesetz, kurz BGG.

Damals wurde am 12. Juni ein Änderungsantrag diskutiert, wonach Barrierefreiheit in der Privatwirtschaft doch wieder ins Gesetz soll. Die Eröffnung der Debatte zu dem Thema machte die damals verantwortliche Ministerin Andrea Nahles und brachte folgendes Zitat:

„Was das vorliegende Gesetz angeht, sage ich ganz offen: Ja, auch mir fehlt im BGG der private Sektor . Den hätte ich gern mit in das Gesetz einbezogen . Das ist nicht gelungen. Aber es wird beim nächsten Mal gelingen!

Nun, JETZT ist das nächste Mal! Aber nun haben wir ein Gesetz mit dem vielversprechenden Namen Barrierefreiheitsstärkungsgesetz und es findet sich wieder keinerlei Absicht die Privatwirtschaft zu physischer Barrierefreiheit zu verpflichten! Also sollen wir wieder vertröstet werden?

Zugegeben, das Gesetzt soll vor allem eine EU Richtlinie umsetzen, den European Accessibility Act, und in diesem geht es vor allem um die Barrierefreiheit von Dienstleistungen. Aber viele dieser Dienstleistungen befinden sich halt hinter Stufen. Und die EAA Richtlinie schreibt zwar nicht vor, dass die Mitgliedsstaaten Regelungen zu einer physichen Barrierefreiheit treffen müssen, aber es wird angeregt. Und ganz ehrlich, ein Gesetz mit dem Namen Barrierefreiheits-STÄRKUNGS-gesetz sollte schon auch die Barrierefreiheit ganzheitlich stärken und nicht nur in Teilen. Natürlich gehört da auch eine Verpflichtung der Privatwirtschaft hinein, nicht nur zu physicher Barrierefreiheit, aber eben auch.

Nochmal zurück zum 12. Juni 2016, denn leider erwarte ich, dass es die gleichen Diskussionen, Argumente und Gegenargumente werden. Deswegen würde ich gern schon mal ein paar Sachen vorweg nehmen.

Unter anderem hat damals Dr. Astrid Freudenstein von der CDU auf eine Rückfrage des Grünen Politikers Markus Kurth abgeschmettert, welcher angeregt hat mal in die USA zu schauen, wo es bereits seit den 90er Jahren eine entsprechende Regelungen gibt. Sie antwortete, dass es in den USA ja keine Altstädte existierten wie bei uns in Europa. Nun ja, dann schauen sie halt nicht in die USA, sondern nach UK, ins Vereinigte Königreich, wo es ebenfalls eine entsprechende Gesetzes Grundlage und auch Mittelalterliche Altstädte gibt.

Außerdem antwortete Sie noch recht schnippisch, dass dies in den USA ja vor allem mit der Umsorgung von Veteranten zu tun habe und tat so, als ob wir erst Krieg führen müssten um Barrierefreiheit voranzubringen. Nun heute haben wir zum Glück eine sehr gute Dokumentation für jeden einsichtbar auf Netflix (kostenlos auch auf Youtube allerdings nur auf Englisch) mit dem Namen Crip Camp bzw. auf Deutsch „Der Sommer der Krüppelbewegung“. Dort kann man sehr gut sehen, dass auch in den USA die Menschen mit Behinderung für ihre Rechte gekämpft haben und dass es die gleichen Diskussionen gab.

Oder Herr Schummerer, der wieder und wieder betonte, dass doch erstmal Regierungsgebäude vorzeigen müssten wie Barrierefreiheit geht. Die Wirtschaft würde dann dem guten Beispiel schon folgen! Nun, 5 Jahre später, sind wir da kaum einen bedeutenden Schritt weiter gekommen, vor allem im Vergleich mit den USA und UK, aber auch im Vergleich mit Österreich schneiden wir deutlich schlechter ab.

Und wie sieht es denn nun aus in der USA oder in UK? Ist die Wirtschaft pleite gegangen? Nein! Im Gegenteil, sie haben neue Kunden gewonnen und die Gesellschaft ist weiter zusammen gewachsen. Wenn wir auf Reisen waren in den USA oder in Großbritannien, dann fühlen wir uns sofort anders. Wir sind freier in unseren Entscheidungen, müssen nicht jedes mal erst fragen ob wir Bahn fahren dürfen, aufs Klo kommen oder in das Restaurant können.

Ich hoffe doch sehr, dass 2021 die Debatte im Bundestag mit deutlich weniger Ableismus auskommt. Ich hoffe sehr, dass die Abgeordneten nicht wieder Erfahrungen aus ihrer privilegierten nichtbehinderten Perspektive als Beweis dafür einbringen „wie viel sich bereits getan hat“. Dass aber die Abgeordneten dort wieder ÜBER uns sprechen, ohne wirklich MIT uns gesprochen zu haben, scheint aber schon jetzt klar zu sein. Denn viel zu kurz war die Zeit zwischen Gesetzesentwurf, Stellungnahmen, Debatte und Abstimmung. So kann man es in der Stellungnahme der Sozialheld*innen lesen.

ein weißer Rollstuhlfahrer steht mit Megaphon vor dem Brandenburger Tor
© Lukas Kapfer | FGQ e.V.

Dabei steht in der UN Behindertenrechtskonvention klar und deutlich, dass Gesetze, die das Leben von Menschen mit Behinderungen betreffen, auch in ENGER Zusammenarbeit mit den Selbstvertretungsorganisationen erfolgen muss. Nun sehe ich hier keine enge Zusammenarbeit, wenn für eine ausführliche Stellungnahme nur wenige Tage Zeit bleibt und dann ein langes Wochenende mit Feiertag zwischen der Bekanntgabe der Abstimmung und der Debatte liegt zu dem mögliche Änderungsanträge vorligen müssten. Wie soll man in dieser kurzen Zeit eng an so einem wichtigen und möglicherweise wegweisenden Projekt zusammen arbeiten?

Wegweisend – Ja es könnte ein Meilenstein werden so ein Barrierefeiheitsstärkungsgesetz, aber dafür müsste man sich Zeit nehmen und wirklich eng mit denen arbeiten, die es am Ende betreffen wird. Man müsste ihnen zuhören und man müsste, anders als 2016, sie auch ernst nehmen. Dann könnte es wirklich etwas werden mit der Barrierefreiheit und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Leider bin ich nicht mehr optimistisch was das angeht, aber ich möchte meinen Teil dazu beitragen.

Ich bitte auch euch! Ihr könnt etwas tun! Schreibt euren Vertreter:innen im Bundestag. Teilt diesen und andere Beiträge, lasst uns auch in Pandemiezeiten so laut sein wie es eben möglich ist. Denn nur wenn wir alles versucht haben, können wir uns am Ende auch beschweren, wenn die Politik wieder mal die Messlatte unterschritten hat.

/David

Falls ihr noch etwas mehr Input braucht oder euch weiter informieren möchtet, folgen hier noch ein paar interessante Links und Quellen:

Debatte vom 12.06.2016 zum BGG in Video www.youtube.com/watch?v=hSJjZRG2dBw&t=347s 

Debatte vom 12.06.2016 zum BGG in Text https://dipbt.bundestag.de/dip21/btp/18/18170.pdf#18170_Innen.indd%3ALesezeichen%207%3A174

Crip Camp auf Youtube (Englisch) www.youtube.com/watch?v=OFS8SpwioZ4&t=4015s

Stellungnahme der Sozialheld*innen https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Gesetze/Stellungnahmen/barrierefreiheitsstaerkungsgesetz-sozialhelden.pdf;jsessionid=FCFC018416BC0373BFCA70747A50C37D.delivery1-replication?__blob=publicationFile&v=1

Petition zur Barrierefeiheit und aktuelle Nachricht dazu https://www.change.org/p/schluss-mit-diskriminierung-barrierefreiheitsrecht-f%C3%BCr-menschen-mit-behinderung-jetzt-peteraltmaier-hubertus-heil-bmas-bund-bmwi-bund/u/29051684?cs_tk=ArjIhocBeuOsHKp8o2AAAXicyyvNyQEABF8BvA78icP2o6zX4jbBQXte9Ks%3D&utm_campaign=0bfa49301d5348e4af749e9ce5745ac2&utm_content=initial_v0_4_0&utm_medium=email&utm_source=petition_update&utm_term=cs&fbclid=IwAR0rr0fH5EntDGs-xVPA9-8cISkOGLyzFfHapIvwdnTZJ6wydtFltFyjU7Y

Artikel von Die Neue Norm zum Gesetz https://dieneuenorm.de/gesellschaft/barrierefreiheitsstaerkungsgesetz/?fbclid=IwAR23Kvk5f2nqeaB6hDSa0VL33FsBBQgZsa_ryN04we4AehcMhRBBzHvyAHg

Aufruf von Die Neue Norm https://dieneuenorm.de/kolumne/barrierefreiheitsstaerkungsgesetz-2/?fbclid=IwAR2RRi0Bfghz0W6RqGv9-XWD-mhMb6yyW8ggTZbjS7lj55eIONgPCERhO7E

Kobinet zum Gesetz https://kobinet-nachrichten.org/2021/05/12/barrierefreiheit-aber-beim-naechsten-mal-dann/

Video von uns zu Barrierefreiheit https://youtu.be/PIJYSPp-czA

Selbstfindung

Wegen Corona erleben wir gerade alle größere und kleinere Veränderungen. Ich stand aber schon länger an eine Stelle über die ich nicht rüber wollte, weil ich Angst davor hatte. Aber während ich an dieser Stelle stand, holten mich einige „böse Geister“ ein und vielleicht war Corona dann die Extra Last dich mich über die Schwelle brachte.

Ein weißer Mann steht mit einem Oliv farbenden Shirt unter einer Brücke. Auf dem Shirt steht auf Englisch Sit N Skate - Destroying Stereotypes. Im Hintergrund sieht man eine Rollstuhlrampe, eine Bank und mehre Menschen darauf. Eine weitere Bank ist leer.
ein tattowierter weißer Mann stützt seinen Kopf an der Stirn ab und schaut nachdenklich in die Ferne

Okay, ich höre auf in Rätseln zu schreiben. Während Corona haben wir einige Veränderungen gemacht, nicht alle davon waren direkt durch Corona entstanden. Wir haben SIT’N’SKATE zu einem gemeinnützigen Projekt gemacht und ich habe meinen 4ma3ma Job an den Nagel gehangen. Die bösen Geister von denen ich sprach waren vor allem psychischer Natur. Ich habe den Job bei der 4ma3ma geliebt und liebe die 4ma3ma immer noch und dennoch war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich entscheiden musste. Setze ich meine Kraft und Anstrengung in die Rollstuhl Versorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der 4ma3ma ein oder in das Projekt SIT’N’SKATE und dort ebenso in die Mobilität der gleichen Zielgruppe.

Ich entschied mich für letzteres und habe einen sozialversicherungspflichtigen Job an den Nagel gehangen, der bislang meine teure Hamburger Miete zahlte. Das Risiko hat sich nun, knapp drei Monate später aber insofern gelohnt, dass es mir mental wieder besser geht. Allein weil ich wieder mehr Zeit habe um skaten zu gehen, Playstation zu spielen oder einfach mal bei Netflix zu chillen. Und nun auch um mich wieder verstärkt Themen wie Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit im aktivistischen Sinne zu beschäftigen!

Es ist schön sich den Themen widmen zu können, für die man brennt, für die man Leidenschaft und tiefe Überzeugung hat und dennoch fällt natürlich jede Menge Arbeit damit an, diese Arbeit und sein Leben zu finanzieren. Ich hoffe, dass ich es schaffen kann mein Leben auch mit dieser mir so wichtigen Arbeit zu finanzieren, aber auch wenn das nicht klappt, war dieser Tapeten- und Prioritätenwechsel richtig und wichtig.

I am back! #staytuned

/David