Monatsarchiv: November 2015

„Pipi machen muss man, kann man nix dafür“

Seit meinem Unfall bin ich darauf angewiesen, meine Blase manuell zu entleeren, damit sie es nicht tut, wenn ich es grad nicht gebrauchen kann.

Ich nahm es nicht immer mit Humor. Ich hatte anfangs in der Reha große Probleme mit der Umstellung, dennoch wurde mir gesagt, dass ich einer derjenigen war, die am schnellsten gelernt haben, das Kathetern mit Einmalkathetern selbstständig durchzuführen. Mir wurde übel, schwindelig und ich konnte einfach nicht hinsehen, wenn mich die Schwestern katheterisiert haben. Dennoch war mein Ziel in der Reha schnell gefasst: Ich wollte selbstständig sein, keine Hilfe benötigen. Schon gar nicht für so einfache Dinge wie auf Klo gehen. Ich konnte mich überwinden und nur so schaffte ich es, schnell wieder ein selbstständiges Leben führen.

Ich probierte auch mehrere Produkte aus, um das Optimum zu finden und das war gar nicht so einfach. Ich habe mit vielen Kathetern das Problem, dass ich nicht in die Blase komme. Ich muss stochern und manchmal mehrere Katheter verwenden. Blutungen und hoher Verbrauch waren die Folge. Ich probierte weiter und fand mein Produkt mit dem ich ohne Probleme klar komme und vor allem ohne Blut. Mir ist dadurch aber klar geworden, dass man hier nicht auf den Preis gucken kann, sondern man muss individuell schauen was für einen selbst funktioniert. Ich probierte im Laufe der Jahre immer mal wieder andere Produkte aus. Doch die Probleme waren immer noch die selben und ich blieb bei meiner Wahl. Eine Umstellung wäre einfach nicht möglich.

Zusätzlich zu den Einmalkathetern nutze ich Urinalkondome und Beinbeutel. Da ich eine schlaffe Blase habe, entleert sich diese gern mal ungewollt bei Beanspruchung meiner Bauchmuskulatur. Also beim Sport, beim Husten, Niesen, ja sogar beim Lachen. Keiner will sich bei einem guten Witz in die Hose machen. Das sollte jedem klar sein. Ich habe über die Jahre ein funktionierendes System für mich gefunden. Ich kathetere 4-8 mal am Tag. Die Schwankungen sind normal, denn ich trinke nicht jeden Tag Bier, nicht jeden Tag Kaffee, auch schwitze ich nicht jeden Tag gleich viel und trinke nicht die selbe Menge Wasser. Nachdem ich meine Blase entleert habe, ziehe ich ein Urinalkondom über und verbinde es mit dem Beinbeutel. So kann ich mir sicher sein, dass ich weiter mein aktives Leben führen kann, ohne ständig Angst haben zu müssen, dass sich gleich ein dunkler Fleck im Schritt meiner Jeans befindet und den ganzen Plan des Tages ändert. Ich brauche mit dieser Nutzung also immer genau so viele Urinalkondome wie Katheter. Eine erneute Nutzung des Kondoms ist nicht möglich, den Katheter durch das Kondom zu führen wäre unhygienisch. Das alles wurde mir aber schon vorgeschlagen.

Die Krankenkasse zahlte das anstandslos ein paar Jahre, doch dann fingen sie immer wieder an zu kürzen. Einfach so ohne Rücksprache zu halten. Ich konnte mich dann immer wieder dagegen wehren und bekam wieder die gewohnte Menge. Ich frage die Sachbearbeiter ob sie wissen, wie oft sie pinkeln müssen im Monat. Keiner konnte mir das beantworten und ich sagte: „Sehen sie, aber ich muss es wissen, weil sie mir eine Menge vorschreiben. Das ist unmenschlich und nicht machbar!“ Nachdem die Krankenkasse dies mehrfach versuchte indem sie meinem Versorger einfach die bezahlte Menge kürzte und weder die Kasse, noch der Versorger der Meinung waren mir das mitzuteilen, wechselte ich als erstes den Versorger. Ich hatte danach einen, der sich für mich einsetzte und der Krankenkasse nicht alles durchgingen ließ. Aber die Krankenkasse machte weiter und so wechselte ich auch diese, weil ich hörte, dass meine jetzige Krankenkasse eine 99 Jahre Garantie über die bewilligte Menge vergibt. War aber offenbar nur ein Marketinggag, denn es dauerte nur anderthalb Jahre bis auch meine jetzige Krankenkasse damit anfing. Sie hat es erst mal nur auf die Urinalkondome abgesehen und garantieren mir, wenn mir ein Facharzt den Mehrbedarf bestätigt, auch die Genehmigung der restlichen Menge. So weit so gut, aber nun ist meine Gesundheit und meine Teilhabe davon abhängig, dass ich zum einen schnell einen Termin bekomme und der Arzt kompetent genug ist zu verstehen was ich brauche. Diese beiden Punkte hatte ich bei meinem Neurourologen zum Glück erfüllt. Nun dauert es aber seine Zeit bis dieses Schreiben geschrieben und verschickt ist, bis es bei der Krankenkasse bearbeitet wird und bis ich dann meine benötigte und verordnete(!) Menge an Urinalkondomen bekomme! Bis dahin sitze ich auf dem Trockenen oder besser gesagt im nassen, wenn ich Pech habe!

Diese Informationen sind natürlich durchaus persönlich und privat, aber wenn wir diese Erfahrungen nicht teilen, wird die Versorgung schlechter, einige werden ihr Potential nie ausschöpfen können und einige werden nie wissen, dass es Möglichkeiten gibt, wie auch sie ein Leben ohne diese Probleme führen können.

/David

Foto: FotoHiero / pixelio.de

Foto: FotoHiero / pixelio.de

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Gedanken zu… Flüchtlingskrise

Die folgenden Zeilen sind Gedanken. Gedanken, die ich in mehreren Etappen niedergeschrieben hab. Immer wenn das Thema durch meine Timeline huschte, wenn ich entsetzt Kommentare unter eben diesen Themen gelesen habe. Immer wenn es irgendwie auf meinem Schirm erschien. Es liest sich daher vielleicht nicht immer wie ein zusammenhängender Text, aber dennoch sind es meine Gedanken zu einem wichtigen Thema: Menschlichkeit! Viel Spaß beim lesen und bitte bleibt sachlich wenn ihr irgendwo anderer Meinung seid, danke!

Traurig, dass ich regelmäßig meine Facebook Kontakte prüfen muss wenn sich das Thema Flüchtlinge und deren Aufnahme bzw Unterbringung wieder in den medialen Vordergrund drängt. Wie viele dort menschenfeindliche Ansichten haben, erschreckt mich in letzter Zeit immer öfter. Wie viele davon auch in meinen Kreisen zu finden sind, erschreckt mich umso mehr. Meistens sind es zwar flüchtige Kontakte, aber auch die hat man ja mal anders kennen gelernt.

Dabei sollte doch gerade bei Menschen mit Behinderung, die ja auch oft noch gegen stereotypische Vorurteile und für Integration bzw Inklusion kämpfen, doch ein breites Verständnis vorhanden sein. Ich meine es ist natürlich ein schwieriger Vergleich, aber die einen sind durch Einschränkungen und Barrieren gehindert im gleichen Maße am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen, wie der schwerstmehrfachnormale Mitbürger – die anderen werden von Regelungen und Zäunen daran gehindert.

Das ist aber noch längst nicht alles was ähnlich ist. Denn müssen wir als „behinderte“ Menschen nicht oft noch erklären, dass wir mit der Bahn mitfahren können, dass wir einen Aufzug selbst bedienen und die Tür alleine aufmachen können? Müssen wir uns nicht oft beweisen, dass wir in der Lage sind zu arbeiten und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen können. Müssen wir nicht ständig dafür kämpfen, dass uns ganz normale Sachen nicht aufgrund unserer Behinderung verweigert werden, wie eben arbeiten, Bahn oder Bus fahren? Früher mussten Menschen mit anderer Hautfarbe im Bus getrennt vom Rest sitzen, schwarze Bedienstete hatten im Süden der USA ihre eigene Toilette, „konnten“ die normale nicht benutzen. Heute gelten diese Sachen noch oft für Rollstuhlfahrer.

Ich bin der Meinung, dass, wenn wir Flüchtlinge mit mehr Verständnis und Gastfreundschaft empfangen, dann können Sie genau so ein Teil der Gesellschaft sein, wie jeder Mensch, egal von wo und egal mit welcher Behinderung. Wir dürfen sie aber nicht von vornherein schlecht reden. Wir dürfen sie nicht direkt als kriminell abstempeln und sie mit einem wütenden Mob begrüßen. Genauso wie wir behinderte Menschen nicht ausschließen dürfen und ihnen ihre eigenen Entscheidungen in Frage stellen sollen. Menschen sind Menschen und den einen mag man, den anderen nicht, mit dem einen kommt man klar, mit dem anderen nicht, mit vielen kann man lange und ausgiebig reden, mit anderen eben nicht. Aber ob man mit jemanden klar kommt, das ist doch nicht vom Äußeren abhängig oder davon, wo er herkommt, wie er hierher gekommen ist oder ob er ein zwei oder drei Beine hat, weder Farbe des Rollstuhls, noch der Haut spielt dabei eine Rolle, sondern lediglich der Mensch und wie er sich dir gegenüber verhält.

Nun trifft den aktiven Rollstuhlfahrer, wie auch andere Breitensporler, das Problem, dass Sporthallen als Notunterkünfte für ankommende Flüchtlinge umfunktioniert werden. Sporthallen, die oftmals schon jetzt komplett ausgelastet sind und somit Alternativen für den Sport nur schwer zu finden sind. Ich kann verstehen, dass da Unmut aufkommt. Ich war auch nicht glücklich, dass wir einen Skateworkshop verschieben mussten, weil die Skatehalle als Lager für Spenden genutzt wurde. Allerdings war die kurze Enttäuschung über den Ausfall (denn bis ein neuer Termin stand, dauerte es eine Weile) des Skateworkshops schnell gewichen. Vielmehr freute ich mich, über die Hilfsbereitschaft. Dass beim Basketball, Rugby, Handball oder anderen Hallensportarten, vor allem im Winter, nur schwer Alternativen zu finden sind, ist mir klar. Aber auch hier verstehe ich nicht warum sich der Hass und die Wut dann so extrem gegen die dort einquartierten Flüchtlinge richtet. Warum kanalisiert man nicht diese Energie in eine andere Richtung? Zum Beispiel in Richtung Rathaus oder in Hilfsbereitschaft? Dass die Leute ein Dach über dem Kopf brauchen, sollte jedem klar sein. Vielleicht kann man ja auch gemeinsame Beschäftigungen finden, Sport im Freien machen. In anderen Hallen kann man vielleicht etwas zusammenrücken, zusammen trainieren. Macht aus der Not eine Tugend und zeigt was es heißt eine inklusive Gesellschaft zu sein!

Natürlich ist es ein Problem, eine Krise und natürlich sehe ich auch andere in der Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. Doch ich will hier nicht die politische Diskussion anregen, sondern die menschliche Seite! Denn die Menschen die hier hergekommen sind, sind jetzt nun mal hier und es ist an uns diesen Menschen ein guter Gastgeber zu sein. Einige werden weiter ziehen, einige gehen sicher auch wieder zurück wenn sich der Nebel des Krieges irgendwann wieder legt, andere bleiben hier, aber egal was die Zukunft bringen wird, das hier und jetzt ist wichtig um in Zukunft gut miteinander auszukommen.

Warum ist es eigentlich so schwierig für viele, sich in andere hinein zu versetzen? Keiner kann sich vorstellen, wie schlimm Krieg und Terror in der Heimat vieler Flüchtlinge sein muss. Aber wie schlimm es sein muss, seine Heimat zu verlassen und eine Reise zu wählen, dessen Ausgang völlig ungewiss ist, kann man sich vielleicht ausmalen. Wenn man dann diese Tortur der Reise überstanden hat, wird man hier auch nicht direkt mit Luxus überhäuft. Und dann sind da noch diese jammernden Hetzer, die dir an die Gurgel wollen, die dich wieder zurück schicken wollen, dahin zurück, wo die Hölle wohl der bessere Ort wäre. Da ist doch auch klar, dass der ein oder andere durchdreht. Aber eben auch nur der ein oder andere und noch lange nicht alle. Die meisten wollen einfach nur das, was sie noch nie im Leben hatten: Frieden und Freiheit, nicht mehr und nicht weniger. Wer hier aber angekommen ist, hat das noch lange nicht erreicht.

Lasst uns unsere Vorurteile ablegen und alle Menschen einfach freundlich und aufgeschlossen begrüßen, dann haben wir es alle etwas leichter uns zu integrieren Denn nicht nur behinderte Menschen müssen das, jeder muss seinen Platz in der Gesellschaft finden. Warum machen wir es uns gegenseitig schwer?

Ich jedenfalls freue mich neue Menschen kennen zu lernen, egal von wo auf der Welt und egal wo auf der Welt!

 

PS: Das sind Gedanken, aufgeschrieben von mir persönlich. Es kann natürlich andere Ansichten geben, aber dennoch hoffe ich, dass sich der ein oder andere zum Nachdenken aufgefordert fühlt und diese Gedanken dann wiederum in sachliche und friedliche Sätze zu packen. Hier ist kein Platz für Hass und Rassismus. wohl aber für sachliche Diskussion!

/David