Monatsarchiv: Februar 2015

Flitzen im Sitzen

Foto: DRS/Wittmershaus

Oskar hat Riesenspaß beim Rampen runter rasen – Foto: DRS/Wittmershaus

Kinder wollen toben, sie wollen spielen, flitzen und die Welt erkunden. Alles was sie dazu benötigen ist Neugier, die haben sie von Natur aus und Mobilität, die haben nicht alle von Natur aus. Zum Glück kennen wir heute aber genug Möglichkeiten ihnen diese (wieder) zu geben. Dazu müssen sich allerdings einige erst mal von dem Gedanken verabschieden, dass Laufen die Mobilität schlechthin ist. Für viele, denen das Laufen nicht so einfach fällt, gibt es effizientere Methoden. Babys krabbeln ja auch weil es für sie die beste Methode ist, um die Welt zu erkunden und ihre Neugier zu befriedigen. Die Meisten von ihnen lernen dann laufen, aber einige werden es nie lernen oder immer nur unter erschwerten Bedingungen. Egal ob es nun Spina Bifida, Cerebralparese, ein Querschnitt oder ein anderer Grund ist, wenn laufen nur unter extremen Anstrengungen möglich ist, dann ist ein Rollstuhl oft die effizientere Methode der Fortbewegung. Das hilft den Kindern in ihrer Mobilität, Neugier und damit auch ihrer kognitiven und sozialen Entwicklung.

Sören rollt - Foto: Uli Gasper

Sören rollt – Foto: Uli Gasper

Heute gibt es zum Glück schon viele, die sich mit der Rollstuhlversorgung von Kindern richtig gut auskennen. Leider treffe ich bei meinem Arbeitgeber, dem Kindersanitätshaus 4ma3ma, immer noch zu oft auf Kinder, die richtig schlecht versorgt wurden. Oft ist der Rollstuhl hier eher ein „Schiebestuhl“, anstatt dass die Möglichkeit genutzt wird, ihnen mit einer angepassten, aktiven Rollstuhlversorgung Aktivität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Wie oft höre ich, dass Kind ist kein Selbstfahrer und wenn es dann aber eine Weile in einem gut angepassten Aktivrollstuhl von uns sitzt, staunen nicht nur die Eltern. Das Kind muss natürlich erst die neuen Möglichkeiten entdecken und ausprobieren. Bei manchen dauert dies nur wenige Minuten, bei anderen Wochen. Wenn man ihnen aber diese Möglichkeiten vorenthält, werden sie diese Chance gar nicht nutzen können.

Es gibt heute nicht nur gute Literatur zu dem Thema (Das Buch: Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen z.B.), sondern auch extrem viele Beispiele von Rollstuhlfahrern, die schon früh einen Rollstuhl bekommen haben und somit ein aktives, selbstständiges Leben von Anfang an hatten, wie Paralympic Goldmedaillengewinnerin Anna Schaffelhuber oder der kleine Internetstar Abel Rose. Aber auch die vielen anderen Rollikids zeigen bei meinen Workshops, bei anderen Sportveranstaltungen und (viel wichtiger) im täglichen Leben wie viel mehr eine gute Mobilität wert ist, im Vergleich zum (mehr oder weniger) aufrechten Gang.

Sören rollt - Foto: RBG Dortmund 51

Sören rollt und rollt – Foto: RBG Dortmund 51

Kinder wollen flitzen und wir können ihnen die Möglichkeit geben. Viele werden mit Rädern viel schneller unterwegs sein als zu Fuß und dennoch werden sie das Laufen nicht verlernen, wenn sie es denn können. Im Gegenteil, denn wenn wir ihnen eine kraftsparende Alternative geben, können sie ihre Kräfte viel besser einteilen und so das Laufen dort anwenden, wo sie es wirklich gebrauchen können. Wenn sie sich schon bis dahin gequält haben, scheitern sie dort vielleicht trotz der vielen Praxisübung.

Lisa ist ein gutes Beispiel, dass man sein Leben natürlich auch selbstbestimmt und aktiv auf Krücken bestreiten kann, aber selbst sie würde den Rollstuhl heute nicht mehr eintauschen und hätte rückblickend gern eher diese Mobilität genossen, aber was sie über Laufen so denkt, könnt ihr bei Kein Widerspruch lesen.

Übrigens habe auch ich schon ein Text auf Kein Widerspruch veröffentlicht. In diesem schreibe ich übers Skaten, aber auch wie Kinder unsere Welt verändern können, wenn wir sie flitzen lassen – auch im sitzen 😉

/David

 

Weitere Links zu dem Thema:

Fiduz, Ausgabe 33, auch da habe ich einen Text veröffentlicht http://www.fiduz-infoblatt.de/publikationen.htm , den ihr auch hier lesen könnt

Rollikids http://www.rollikids.de/ die Kinder und Jugensabteilung des DRS, wenn es darum geht Kinder und Jugendliche mobil und fit mit dem Rolli zu machen

Rollstuhl- und Mobilitätstraining für Kinder und Jugendliche gibt es bei den Rollikids http://www.rollikids.de/ und der ASBH http://www.asbh.de/termine/rollstuhltraining.html sowie bei einigen lokalen und regionalen Sportvereinein und Initiativen (mit mir u.a. noch bei der RBG Dortmund 51, siehe unter Termine)

Kindersanitätshaus 4ma3ma in Dortmund http://www.4ma3ma.de/

Sören ro... ähm rollt nicht!?  - Foto: Uli Gasper

Sören ro… ähm rollt mal nicht!? – Foto: Uli Gasper

 

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WCMX – Mit dem Rollstuhl im Skatepark

Lebbe springt!

Lebbe springt! Foto: DRS/Wittmershaus

Was ich mache, klingt für viele erstmal total außergewöhnlich, dabei nutze ich nur ein anderes Sportgerät. Selbst wenn ich mit meinem Rollstuhl im Skatepark unterwegs bin, finden die vielen Skateboarder und BMXer ausgerechnet mich am krassesten, dabei kann ich noch nicht mal nen Kickflip. Nein, also ich finde es schon super, wenn ich auch mal nen stoke im Skatepark bekomme, aber lieber weil ich dann auch wirklich nen dickes Gap gesprungen bin oder einen Trick nach Hundert Stürzen endlich geschafft hab. Meistens aber bekomme ich schon ein „Ey Respekt man“, nur weil ich mir den Helm aufsetze.

Ich denke, wenn Rollstuhlfahrer nicht so oft unterschätzt werden würden, dann könnten sich viele einfach viel eher darauf einlassen und es einfach normal finden. Ich schau mir ja auch Skateboarder an und applaudiere wenn sie was geiles gemacht haben, aber nicht schon wenn sie nen Fuß aufs Board stellen.

Skaten heißt für mich Freiheit und Selbstverwirklichung. Ich kann mir selbst neue Herausforderungen setzen und mich diesen dann stellen. Dadurch hab ich es dann im Alltag auch wieder etwas leichter. Denn je besser man seinen Rollstuhl beherrscht, desto besser kommt man auch damit durchs Leben – auch mal in Ausnahmesituationen. Diese Situationen hat man als Rollstuhlfahrer öfter. Ob kaputter Fahrstuhl oder schlechte Sicht beim Konzert. Manchmal muss man andere Wege nehmen, als die, die mit nem Rollisymbol gekennzeichnet sind.

Meine Sportart heißt WCMX, WheelchairMX, und darin bin ich auch 2014 sowas wie Weltmeister geworden. Eine echte Meisterschaft wird es erst in diesem Jahr geben, aber im kalifornischen Venice Beach unter Palmen gegen die Elite, rund um NitroCircus Star Aaron Fotheringham, den ersten Platz zu belegen ist so offiziell, wie inoffiziell nur sein kann.

Peace!

Peace! Foto: Uli Gasper

Das ich mal zur Weltspitze eines Sports gehören würde, konnte ich mir glaub ich schon lange nicht mehr vorstellen und das ich eine neue Sportart mitgestalten werde schon gar nicht. Was ich hier in Deutschland mache, haben ja viele schon mitbekommen. Ich gebe Workshops, für Rollikids und Junggebliebene, für Eltern, Geschwister und andere Interessierte. Ich möchte zeigen, dass das ein Sport für Jedermann ist, für den einen ist es eine einmalige Bewegunserfahrung, für den anderen das Leben. Es gibt Sicherheit im Alltag und man kann sich austoben ohne unvorhersehbare Gehwegschäden, Ampeln oder andere Alltagsstolpersteine. Nun aber will ich auch international helfen, WCMX voranzubringen. Denn noch sind USA, Deutschland, Kanada, Australien und Brasilien die einzigen Länder, in denen es schon regelmäßig Events für Rollstuhlfahrer im Skatepark gibt.

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In Texas hat sich rund um Rise Adaptive Sports, den Veransalter der 1. WCMX World Championships, einigen anderen Rollstuhlskatern und mir, ein Team geformt, dass Rollifahrer auf der ganzen Welt die Möglichkeit geben will, sich im Skatepark auszuprobieren. Noch steckt alles in den Kinderschuhen, aber schon jetzt ist WCMX eine der am schnellsten wachsenden Sportarten der Welt. Nun soll ein internationales Netzwerk geflochten werden, ein Netzwerk, dass zum einen dafür sorgen soll, den Sport bekannter zu machen, aber auch helfen soll in den verschiedensten Regionen Programme zu starten, zu finanzieren und zu fördern. Alles natürlich Step by Step und wer weiß, wo uns diese Stufen über all hinführen können. Zu den XGames? Paralympics? Oder doch nur zwischen Himmel und Hölle?

Ob es nun irgendwann zu den XGames geht oder nicht, auch Competitions und Wettkämpfe gehören einfach dazu. Man will sich messen, vergleichen und gucken wo man steht. Aber anders, als bei den meisten Leistungssportarten, steht beim skaten doch immer noch das Gemeinsame, der Austausch und das immer wieder Neue im Vordergrund und auf dieser Basis wollen wir es auch schaffen möglichst viele zu animieren Sport zu treiben und sich immer wieder herauszufordern. Bei WCMX geht es nicht immer um den fettesten Trick, nicht nur ein Backflip zählt, sondern vor allem auch der eigene Style, sich selbst zu verwirklichen und sich nach Außen zu präsentieren. Ich habe selten einen Behindertensport gesehen, wo verschiedene Behinderungen, unterschiedlicher Klassifikation, gemeinsam den selben Sport machen können. Jeder hat zwar mit anderen Einschränkungen zu kämpfen, aber jeder kann auch seinen Weg finden, diese auszugleichen.

Oft habe ich gehört, ich könne „das“ ja nur weil ich so tief gelähmt bin, wenn ich dann aber von anderen erzähle, die Th3 und höher gelähmt sind, dann sind das wieder Ausnahmen. Es werden aber immer mehr Ausnahmen. Schaut euch Darryl Keith Tait an oder Troy McGuirk. Ich glaube, dass jeder der Bock hat und ein bisschen Skate Lifestyle im Blut, wird sich auch entwickeln und schon bald Sachen im Skatepark machen, die man vorher selbst für unmöglich gehalten hat. So ging es mir und so ging es vielen anderen die ich auf meinem Weg schon getroffen hab.

50 Jahre Aktion Mensch

50 Jahre Aktion Mensch Foto: Aktion Mensch

Gemeinsam was ins Rollen bringen

Gemeinsam was ins Rollen bringen Foto: DRS

Damit auch weiter Rollstuhlfahrer diese Erfahrung machen können, werde ich auch weiter WCMX Events organisieren. Ich kann das allerdings nicht alleine. Ich brauche Hilfe, denn schon jetzt ist mein Kalender packe voll und ich möchte aber gern noch weitere Orte erschließen, um es noch mehr Leuten möglich zu machen, sich unter Anleitung das erste mal in den Skatepark zu trauen. Die Hilfe kann unterschiedlichster Art sein. Finanziell, organisatorisch, als freiwilliger Helfer, engagierter Netzwerker und noch vieles mehr. Ich arbeite mit verschiedenen Organisationen zusammen, um meine Projekte an den Start zu bekommen, vom Deutschen Rollsuhl-Sportverband und seiner neuen Kampagne „Gemeinsam was ins Rollen bringen“, über Aktion Mensch, UTE e.V., verschiedenen Skateboard Vereinen und nun auch der international agierenden WCMX Foundation. Ich freue mich über jeden, der Interesse äußert und aus vielen Interessenten sind mittlerweile Veranstalter für WCMX Events geworden. In den nächsten Jahren hoffe ich, das da noch viele dazu kommen und wir so überall bald Events für Anfänger und Fortgeschrittene haben, bis hin zu Competitions, um sich auch untereinander zu messen. Vielleicht gibt es dann auch irgendwann eine WCMX Weltmeisterschaft hier in Europa oder Deutschland und die Stars, wie Aaron „Wheelz“ Fotheringham oder Christiaan „Otter“ Bailey, kommen hierher, um sich mit unseren Rolliskatern zu messen.

Dieses Jahr geht es aber nach Texas, zur ersten offiziellen WCMX Weltmeisterschaft. Bis dahin bereite ich mich noch so gut es geht vor. Bei dem Wetter hierzulande gar nicht so einfach. Da wir in den USA aber auch einige Punkrockkonzerte besuchen werden, habe ich auch hier eine passende Vorbereitung für die kalte Jahreszeit gefunden: Punkrock Konzerte!

In Texas werden wir Nowherebound, in Boston Burning Streets wieder treffen. Was mir hierzulande schon so vorgekommen ist bei Konzerten, könnt ihr ja in einigen anderen Artikeln lesen 😉

/David

Mehr Infos zu WCMX.org? Na dann klickt euch doch mal durch: www.wcmx.org