Monatsarchiv: November 2014

Nase voll, Blog leer? – Eine Nachricht aus dem Krankenbett

Hallo Freunde

Falls ihr euch wundert warum hier gerade nix passiert, möchte ich euch sagen, dass wir momentan beide wie zwei Häufchen Elend Taschentuchberge produzieren und durch Husten kommunizieren. Unseren Jahrestag hatten wir uns auch anders vorgestellt, aber man muss es halt nehmen wie es kommt. In dieser Zeit ist es sogar anstrengend seine Gedanken in Worte zu fassen. Was für ein Glück, dass wir schon den ein oder anderen Text geschrieben haben.

Ganz neu und aktuell ein Text von Lisa auf dem Blog Kein Widerspruch mit dem Titel „Besser gut gerollt als schlecht gelaufen“. Im Ganzen findet ihr den hier: http://www.keinwiderspruch.de/menschen/lisa-schmidt/

Schon etwas länger her, aber auf der gleichen Seite erschien auch ein Text von mir: http://www.keinwiderspruch.de/menschen/david-lebuser/

Auch von mir in Deutsch geschrieben und vom IPC ins Englische übersetzt, ein Text über WCMX, also dem Skaten mit dem Rollstuhl: http://www.paralympic.org/blog/david-lebuser-what-wheelchair-skating-all-about

Und wer jetzt noch nicht genug von uns hat, kann die So tickt… Fragebögen lesen, von Lisa, mir und vielen anderen, auf http://www.rehacare.de

Und wenn es uns wieder besser geht, dann gibt es natürlich auch hier bald wieder neue Geschichten von uns.

Stay tuned!

Beste Grüße

Lisa + David

Wir haben uns gegenseitig angesteckt... mit Herzviren

Wir haben uns gegenseitig angesteckt… mit Herzviren


Motörhead in der Sporthölle Alsterdörf

Lemmy ist Gott und unsterblich ist er sowieso. Dass er lebendiger ist, als noch vor einem Jahr, wollte er uns in Hamburg beweisen. Doch eins nach dem anderen. Erstmal mussten wir ja diese Halle finden, Sporthalle Hamburg. Sporthalle? Gibt es davon nicht mehrere in einer Stadt wie Hamburg? Oder ist es DIE Sporthalle? Gemeint ist die Alsterdorfer Sporthalle, mit 8000 Zuschauern an diesem Tag ausverkauft und auch Rollifahrer waren zahlreich dort um die Rock’n’Roll Predigt von Gott persönlich entgegen zu nehmen.

Eine Halle wo 8000 Leute rein passen, sollte wohl gute Rolliplätze haben. Bei solchen Konzerten ist es manchmal besser einen Platz mit guter Sicht zu haben, als mittendrin zu sein. Wo es die Rollstuhlplätze gab, wurde uns auch direkt nach dem Einlass mitgeteilt, aber wo das Klo ist, wusste keiner: „Unten, aber wie ihr dahin kommt weiß ich nicht.“ Also suchten wir, nach einigen Rollisymbolen,die uns in Sackgassen führten, fanden wir dann auch einen Fahrstuhl und somit auch einen Weg zum Klo. Welches sogar ein Euroschlüssel Schloss hatte…allerdings funktionierte es nicht. Immerhin konnte man von drinnen abschließen, ist ja schon mal viel Wert.

So nun aber wieder nach oben und besagte Rollstuhlplätze suchen. Diese fanden wir dann sehr schnell. Ein Security Mitarbeiter bewachte die Tür und ließ  uns rein, doch das erste was man sah war eine schwarze Wand. Es hing ein riesiger Vorhang dort, der den direkten Blick auf die Bühne verhinderte, zumindest im ersten Moment, denn links und rechts davon konnte man sich zusammen quetschen und vorbei schauen. Der Vorhang soll das Echo minimieren, was sonst von der Hallenwand kommen würde. Ok, aber wenn das so ist, warum dann keine aufgebaute Rollitribüne im Innenraum? Tja, weil Rollstuhlfahrer Innenraumverbot haben. Eine dieser nervigen Brandschutzbestimmungen auf die man immer mal wieder stößt. Eigentlich ist dieser „Balkon“ ja auch gar nicht so schlecht, denn man hat eine schöne Übersicht über alles, aber wenn man kein Fernglas hat, dann sieht man auch nicht allzu gut. Der Sound war ok, aber wenn es nur um den Sound geht, kann ich mir zuhause auch ne Platte auflegen.

Damn

Damn

Nun ja wir blieben erstmal oben und dann fing auch schon The Damned an. Ich hatte mich auch auf diese hochkarätigen Aufheizer gefreut, aber irgendwie war die Stimmung gestört, denn man musste ständig Platz machen, weil noch ein Rollifahrer kam. Man musste enger zusammen rutschen, dann wollte wieder einer raus und da man nur aneinander vorbei kam, wenn man sich 90° drehte, war das auch immer mit Gruppenaktionen verbunden. So lernt man wenigstens seine Nachbarn kennen, könnte man sagen, aber man könnte sich auch fragen, wo da der Fluchtweg bleibt. Da heißt es man darf nicht in den super großen, viel Platz bietenden Innenraum, aber dort, wo man eventuell nicht mehr wegkommt, weil z.B. ein E-Rolli nen Motorschaden hat, da darf man hin. Komische Logik und mit Inklusion hat das ja nun auch nicht viel zu tun. Es ist eher ein in die Ecke stellen. Aber nun wollte man ja nicht die ganze Zeit Trübsal blasen, sondern eine Rock’n’Roll Show genießen.

Platzmangel

Platzmangel

The Damned spielten einen Hit nach dem anderen und ich weiß nicht ob es am Bierkonsum lag oder an der Setlist, aber mit jedem Song stieg auch meine Laune wieder und ich fand mich spätestens beim letzten Song in bester Rock’n’Roll Laune wieder. Smash it up war somit der richtige Song um Motörhead einzuleiten. Die Umbaupause dauerte leider etwas länger und so musste man sich erstmal anders bei Laune halten. Wir beobachteten Leute im Innenraum, die auf einer Kotzlache ausrutschten, überlegten ob man von hier oben Stagediven könnte oder Pipibeutel Weitwurf spielen solle.  Außer dem Beobachten haben wir natürlich nix gemacht, aber die Zeit totgeschlagen bis es endlich los ging.

Das Licht ging aus und der Saal wurde laut. Motörhead kamen auf die Bühne und Lemmy begrüßte uns auf Deutsch: „Guten Abend“ bevor es zu der üblichen legendären Einleitung kam: „we are Motörhead and we play Rock’nRoll!“ Dann legten Sie los, sofort war klar: Lemmy ist wieder fit! Also wurde los gerockt und die Show von oben genossen. Nach fünf Songs brauchte der alte Herr dann aber doch ne Pause und ließ erstmal ein Gitarrensolo schmettern um sich etwas auszuruhen, kam dann aber wieder wie ausgewechselt zurück auf die Bühne um die nächsten Hits zu schmettern.

Motörhea...

Motörhea…

Dr. Rock sollte dann wohl die Masse zum Kochen bringen und allein die Ankündigung schaffte das auch, dennoch war Lemmy wohl etwas außer Puste und so wurde das Drum Solo etwas eher eingeläutet. Danach ging es aber weiter mit Dr. Rock und ich war eigentlich nicht mehr zu halten, doch hatte ich ja da oben keinen Platz. Ich wollte es versuchen, das Verbot durchbrechen und mich durch die Massen kämpfen. Da ich eh auf Klo musste, fuhr ich also mit dem Fahrstuhl, ließ das Bier ab und rechtzeitig zu Ace of Spades rollte in den Innenraum. Es war auch niemand da, der mich davon abhalten wollte. Also kämpfte ich mich durch die Massen. Da man bei Motörhead Lautstärke natürlich keinen fragen kann, ob er einen durchlässt, schob ich einfach alle zur Seite. So ein bisschen war das wie Brustschwimmen, nur nicht in Wasser, sondern in Schweiß.  Es war anstrengend, war doch so mancher Koloss im Weg. Dann auch noch ein Ellbogen im Gesicht hier und da und schon war auch das Pogogefühl wieder da. Mit Blutgeschmack und einmal kurz Luft holen ging es weiter nach vorn und ich war etwas überrascht, als ich die Bühne sehen konnte. Das ging schneller als erwartet.

ich fragte die Leute um mich rum, ob sie mich hochheben könnten, aber wie gesagt, bei Motörhead Lautstärke kein leichtes Unterfangen. Also weiter nach vorn und mit viel Gestikulieren nochmal probiert. Beim dritten Versuch verstand mich dann auch einer und animierte die Leute drum herum mit anzupacken. Ich machte meine Bremsen fest und schon ging es nach oben. Innenraumverbot? Pah! Ich blieb eine kleine Weile an einer Stelle bis die Menge mich nach vorne getragen hat. Für ein paar Sekunden blieb ich auch aufrecht und konnte von oben gut auf die Bühne schauen, Lemmy in die Augen sehen. Das war es doch was ich wollte, Gott in die Augen schauen! Sehen wie er seinen Bass bearbeitet! That’s  the way I like it baby, I don’t wanna live forever!!!!

mittendrin...

mittendrin…

Dann war der Spaß aber auch recht schnell vorbei. Vorne angekommen, holten mich die Securites runter in den Graben. Ich war happy und fühlte mich gut. Nicht konnte mich nun mehr ärgern. So auch nicht, dass ich hörte, wie einer der Securities fragte, wie ich hierhin gekommen sei. Ich schrie in seine Richtung: „Na selbst!“ Hat er wahrscheinlich nicht verstanden, aber er begleitete mich an die Seite, wo er mich dann auch nochmal ansprach: „Wie bist du hierher gekommen?“ und ich sagte wieder, dass ich das wohl selber geschafft hab. Er wies mich darauf hin, dass das nicht erlaubt sei und Rollifahrer „da oben“ stehen müssten. Ich entgegnete, dass ich selbst entscheide, wo und wie ich ein Konzert erleben möchte und der Platz da oben scheiße sei. Viel konkreter konnte man es bei der Lautstärke auch nicht ausführen, für eine ordentliche Diskussion war es einfach zu laut und außerdem wollte ich eh die Zugabe „Overkill“ hören. Dennoch sagte er mir, dass eine städtische Bestimmung mir verbieten würde in den Innenraum zu kommen. Ich sagte, dass dies eine Rock’n’Roll Show ist und ich auf einer Rock’n’Roll Show darauf scheiße was die Stadt sagt und hier auch mache what the fuck I want!

Am Ende war es das beste Motörhead Konzert, dass ich erlebt habe. Denn auch die vergangenen zwei male versauerte ich auf Rollstuhltribünen mit schlechter Sicht, schlechtem Sound und kam nicht in Stimmung. Dieses mal ließ ich es nicht soweit kommen, schließlich war das Ticket ein Geburtstagsgeschenk. Und wenn mein Baby mir ein Besuch bei Gott schenkt, dann muss das auch fucking great werden und da lass ich mich nicht von irgendwelchen Bestimmungen aufhalten! /David

PS: Wer Fotos findet, unbedingt posten, schicken, zeigen… wieder mal gibt es sonst leider keine Beweise und ihr müsst mir ohne Bilder glauben 😉

Nachtrag: Am Ende dieses wackligen Videos sieht man mich kurz, allerdings auch schon am Ende meiner Surf Performance 🙂 http://youtu.be/Eb7D7Hsrn5c


Nachtrag II 30.12.2015:

Ich habe darüber nachgedacht Lemmy einen Blogbeitrag zu widmen… aber ich will nicht über seinen Tod schreiben. Lieber erinnere mich zurück mit diesem Blogbeitrag, den ich geschrieben habe als Motörhead letztes Jahr nach Hamburg geladen hatte. Lemmy ist und bleibt unsterblich und trotzdem wird er vermisst, schon jetzt!

 

Einen Whiskey auf Lemmy…so, wie er es gewollt hätte! #RIPlemmy ✊🏼🎸♠️ 1945-2015 #playitloud

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Sich vom Boden lösen – Wenn Räder den Boden verlassen

Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich einen Artikel für das Magazin fiduz von der Arbeitsstelle Frühförderung Bayern. Das Leitthema war „Sich finden – sich lösen, verbunden sein – sich trennen“ zu finden im Heft no. 33, 17. Jahrgang 1/2014; ISSN  1619-2958 ; www.fiduz-infoblatt.de

Ich in einem wissenschaftlichen, medizinischen, erziehungsfragenbeantwortendem Magazin? Ja! Und ungeändert nun hier für euch:

Mein Leben erfuhr einen großen Umbruch, als ich vor ein paar Jahren im Krankenhaus aufwachte und mir der Arzt mitteilte, dass ich querschnittgelähmt bleiben werde. Ich wusste nicht wirklich was das bedeutete und so nahm ich an, dass es nichts schlimmeres geben könne.

Aber zum Glück wurden mir schnell die Möglichkeiten aufgezeigt. Nach einigen Rollstuhltrainingsstunden und Sporttherapien wusste ich, es geht eine Menge! Schnell lernte ich den Rollstuhl zu beherrschen und ich merkte, dass meine Selbstständigkeit und meine Freiheit damit unmittelbar zusammenhängt. Denn je mehr ich lernte, desto weniger brauchte ich Hilfe, desto seltener musste ich umkehren, weil eine Barriere im Weg war. Dieser Ansporn brachte mich dann auch in den Skatepark, denn hier fand ich eine Spielwiese für meine Räder. Hier konnte ich meine Grenzen kennen lernen und kontinuierlich verschieben.

Ich fand Spaß daran die unüberwindbar zumutenden Schrägen und Rampen zu fahren. Nicht nur das Adrenalin tat seines dazu, vor allem die Erfolgserlebnisse geben einem immer wieder Motivation. Dazu kommt, dass ich im Alltag immer weniger Barrieren vorfand, die mich wirklich aufhielten. Irgendwann entschied ich mich das auch mit anderen zu teilen. Zuerst mit Videos über YouTube, doch nach meiner USA Reise wollte ich es direkt an andere weiter geben.

In den USA nahm ich an einem Event mit dem Namen „They will skate again“ von der Organisation Life Rolls On teil. Hier wurde Kindern, Jugendlichen und Junggebliebenen Rollstuhlfahrern von Skateprofis das Fahren im Skatepark gezeigt. Danach gab es einen Contest, die WCMX (WheelchairMX) Weltmeisterschaft. Ich wurde Dritter, was ein unglaublich gutes Ergebnis war. Was mich aber noch mehr beeindruckte, war die Erfahrung mit Gleichgesinnten im Skatepark zu fahren. Natürlich fahre ich auch gern mit meinen Nichtbehinderten Freunden, welche auf Skateboards oder BMX unterwegs sind, aber hier lernte ich an zwei Tagen mehr, als in den zwei Jahren zuvor.

Ich wollte so etwas auch in Deutschland veranstalten und nahm die Idee mit über den großen Teich. Zurück in Deutschland fand die Idee durchaus schnell Anklang, aber vieles sprach gegen mein Anliegen. Denn wie sind Rollstuhlfahrer versichert wenn sie sich etwas tun im Skatepark? Viele hatten Angst davor, dass etwas passiert wofür sie haftbar gemacht werden können, aber auch davor, dass alte Stereotypen überholt werden müssen. Ich gab nicht auf und fand bald mit dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband einen Partner, der mich unterstützen sollte.

Wir veranstalten nun Workshops und Schnupperkurse für Rollstuhlfahrer in ganz Deutschland. Das Interesse ist groß und das Feedback durchweg positiv. Eltern bedanken sich, weil ihre Kinder diese Erfahrung sehr gut annehmen. Viele kommen wieder und einige finden hier sogar einen Sport, den man unabhängig von den wenigen Rollstuhlsportvereinen ausüben kann. Die Erfahrung, egal ob einmalig oder wiederholt, gibt den Kindern und Jugendlichen eine Menge – in vielerlei Hinsicht.

Zum einen ist die eigene Wertschätzung gestärkt, aber auch die Motivation den Rollstuhl noch besser zu beherrschen, sowie im Alltag selbständiger zu werden. Die Aktivität wird somit im hohen Maß gefördert und der Weg für ein selbstbestimmtes Leben bereitet.

Eltern, die sich Sorgen machen, ob das zu gefährlich sei, sollten sich unbedingt vor Augen halten, dass ein behindertes Kind die selben Entscheidungen treffen kann, wie ein nicht behindertes. Denn gerade jetzt, zu einem Zeitpunkt an dem die Inklusion an Schulen Einzug hält, sollte es möglich sein, mit seinen Schulfreunden die gleichen Hobbys zu teilen und das kann eben auch das skaten sein. /David

Foto: Andi Weiland

Foto: Andi Weiland

Foto: DRS/Wittmershaus

Foto: DRS/Wittmershaus


Crowdwheeling

Neulich waren wir auf einem Konzert der Kassierer in Dortmund. Neben einer absolut politisch korrekten Punkrockshow der alten Herren aus Wattenscheid, gab es aber auch nennenswerte Geschehnisse vor der Bühne.

Das FZW in Dortmund ist eigentlich super für uns als Rollstuhlfahrer. Es ist ebenerdig, barrierefrei und hat sogar nen Rolliklo. Dann sind da noch diese super durchdachten „Stellplätze“ für Rollstuhlfahrer. Eigentlich auch nicht schlecht, denn bei größeren Konzerten mit viel Andrang, hat man es ja doch oft schwer seinen Platz zu verteidigen und muss mehr darauf achten, nicht als Trittstufe missbraucht zu werden, als darauf dass man sein Bier nicht verschüttet. Beides ist bei Punkrockkonzerten nicht ungewöhnlich, denn es kocht ja ein Kessel aus purem Adrenalin, gepaart mit Alkohol und Anarchismus. Für uns ein Mix, in dem wir uns ganz wohl fühlen, auch wenn Lisa weder trinkt noch raucht. Rauchen tu ich übrigens auch nicht, aber das nur am Rande. Zurück zu den Stellplätzen, die ja dafür sorgen sollen, dass man eben nicht in diesen gefährlichen Kessel Gefahr läuft unterzugehen und Ellbogen abzubekommen oder mit seinem harten Alurahmen für andere zur Gefahr zu werden. Doch was ist mit der Sicht auf die Bühne? Die ist zu oft denkbar schlecht, denn dort waren sie gaaaaaanz rechts vorn, neben der Bühne. Wäre dort nun wenigstens eine Tribüne aufgebaut, sodass man über die Köpfe der anderen Besucher hinweg sehen könnte, dann könnte man sich vielleicht noch damit anfreunden, dass man nur die Hälfte der Bühne sehen kann aus diesem Blickwinkel. Aber wir wollen doch auch eigentlich mittendrin sein und alles sehen, fühlen und auch mal was abbekommen. Sonst könnten wir ja gleich zum Musikantenstadl gehen oder etwa nicht? Wer zu einem Punkrockkonzert geht, weiß doch, dass Ellbogen wirbeln, Bier fliegt und fließt und auch der ein oder andere Schubser nicht ausbleibt. Die Konzertveranstalter wollen das scheinbar unterbinden, wir wollen es aber herausfordern.

Kaum ertönt also der erste Ton, geht es Radumdrehung für Radumdrehung in Richtung Mitte, bis wir einen Platz haben, wo man was sehen kann und sich einrocken kann. Diesen Drang bekommen einige drum herum mit und wollen helfen den Weg frei zu machen. Da kommt aus dem Sicherheitsgraben ein Mann auf uns zu uns sagte sowas wie: „…die sind anders als die anderen… die können da nicht hin…“ Wir waren schockiert und wiesen ihn zurück. Bei genauer Beobachtung, wusste er eh nicht von Punk und schon gar keinen Schimmer hatte er offenbar von dem was auf solchen Konzerten abgeht. Sein Gesicht zeigte die ganze Zeit über, wie schockiert er über die Texte und das Treiben dort war. Wir aber bahnten uns weiter unseren Weg. Ich fand den Platz gut, er reichte um das Konzert in vollen Zügen zu genießen. Ich sang, nein ich schrie die vulgären Texte der Kassierer mit und rockte ab. Als sich das Konzert dem Ende neigte, konnte ich aber nicht mehr einfach nur dort vorne stehen bleiben, es zog mich in den Kessel, ich wollte mittendrin sein.

Also bahnte ich mir meinen Weg durch die pogenden Massen und als ich mittendrin war, schubste ich, wurde geschubst und fühlte mich dabei wunderbar. Ich rockte, drehte und wheeliete mich durch die Songs, dann kam jemand auf mich zu und fragte mich, ob ich surfen wolle. Ich sagte: „Klar, aber hol lieber noch ein paar Leute ran.“ Der Rest ging schnell. Er winkte ein paar Leute ran, ich zog meine Bremsen an und schwupp war ich aufrecht über dem Kessel, ich kochte über, der Kessel kochte über. Während ich da oben über die Hände surfte, rockte ich weiter, riss meine Hände nach oben. Es ist einfach ein tolles Gefühl, ein Gefühl von Freiheit und das Gefühl, dass bestätigt hier genau richtig zu sein unter diesen Leuten, die dich in die Mitte drängen, schubsen und dich auf Händen tragen, wie sie es mit jedem anderen hier genauso tun.

Irgendwann endet jeder Crowdsurfer im Sicherheitsgraben. Die Securities sind sowas wie die natürlichen Feinde eines jeden Crowdsurfers und Stagedivers. Ich versuchte mich zu wehren, wurde dann aber doch in den Graben hinab gelassen. In meiner Bierlaune und dem Adrenalinrausch des Surfens, versuchte ich mich von den Sicherheitspersonal zu entreißen und mehrfach die Bühne zu erklimmen, leider erfolglos. Übertrieben? Für den ein oder anderen von euch vielleicht, aber wenn man Punk lebt, dann wird man das verstehen. Alles was ich wollte, war eine Rückwärtsrolle auf der Bühne und das Gefühl von Freiheit zurückholen, dass mir die Securities gerade genommen haben.

Ok, ich bin also nicht auf die Bühne gekommen, konnte mich dem Sicherheitsperonal nicht entreißen. Aber gewinnen lassen? Niemals! Statt mich wieder an der Seite in die Menge zu lassen, wie es eigentlich üblich ist, sollte ich nun die letzten Songs im Graben verweilen mit einem noch schlechteren Blickwinkel. Also griff ich in die Trickkiste, hob mich etwas aus dem Rollstuhl um meinen Hintern zu entlasten. Der Security dachte aber sicherlich, dass ich schon wieder abhauen will und griff mir an die Schulter. Dies nutzte ich aus und lies mich fallen, ganz gekonnt nach hinten. Er dachte natürlich ich sei umgefallen und während er noch nicht wusste was er tun sollte, rief ich „Du kannst mich doch nicht einfach umschubsen!“ Es kam weiteres Personal und auch Sanitäter dazu, während er sich wehrte: „Ich hab ihn nicht geschubst, wirklich nicht.“, kletterte ich wieder in meinen Rollstuhl und sagte: „Dann lass mich doch einfach wieder zurück und halte mich hier nicht fest.“ Das machte er dann auch nach kurzer Rücksprache via Funk und ich konnte zumindest den letzten Song und die Zugabe wieder mit den anderen feiern.

Übertrieben? Gemein? Find ich nicht, denn was wäre, wenn man einfach von Anfang an selbst entscheiden könnte wo man steht und die Rollstuhlplätze einfach optional wären. Was wäre, wenn man einfach einen Rollstuhlfahrer wie jeden anderen behandelt, egal ob er nun tanzen, pogen oder surfen will. Dann hätten die mich runter geholt, eine kurze Verwarnung und zurück in die Menge. Verdammt, das ist Punkrock und keine Kaffe und Kuchen Veranstaltung.

Ich appelliere an das FZW und an alle anderen, die Konzerte veranstalten, denkt nach. Teilhabe heißt nicht nur am Rand dabei sein, Teilhabe heißt mittendrin zu sein, selbst entscheiden zu können, wie man dieses gesellschaftliche Zusammentreffen genießen möchte. Wenn ihr Rollstuhlplätze habt, ist das durchaus lobenswert, sind diese aber in der Ecke, wo man nix sehen kann, ist das für’n Arsch!

Vielen Dank fürs Lesen /David

PS: Vielen Dank an die Jungs und Mädels, die uns diesen Abend mit ihren Tickets rein genommen haben und später noch mit uns angestoßen haben. Vielen Dank an die, die mich schweren Brocken über die Köpfe getragen haben und vielen Dank an alle, die Punk noch leben und nicht zu einem weinerlichen Schunkelabend verkommen lassen. Vielen Dank auch an die Kassier, dass ihr nach so vielen Jahren immer noch nicht „erwachsener“ geworden seid. Stay rebel, stay true!

PPS: leider habe ich keine Bilder oder Videos von diesem Abend. Wer also was hat oder was findet, von mir crowdsurfend oder pogend, wäre toll wenn ihr mir das schicken könntet. Danke 🙂

Foto von Anna-Lena Ehlers

Foto von Anna-Lena Ehlers